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Zurück nach der Weltreise: Warum Ankommen Kraft kostet

Autorenbild: Livia Walker
Livia Walker
7. Juli
4 Min. Lesezeit

Ich hätte wirklich gedacht, dass die Weltreise der anstrengende Teil wird.

Das Loslassen.

Ein Jahr aus einem Rucksack leben.

Ungewissheit.

Ständig unterwegs sein.

 

Stellt sich raus: Der schwierigste Teil beginnt erst danach.


Niemand erzählt einem nämlich, wie viel Energie das Ankommen nach einem Jahr Weltreise kostet.

 


Weiblichkeit auf Langzeitreise

Alle fragen: "Und? Schön, wieder zu Hause zu sein?"


Ja.

Sehr.


Aber gleichzeitig schlafen wir gerade noch bei meinen Eltern, weil wir unser Leben Stück für Stück in die neue Wohnung ziehen.



Zwei Rucksäcke gegen hundert Kartons


Jeden Tag packen wir ein paar Kartons aus.

Jeden Tag taucht irgendwo noch eine Kiste auf.

Und jeden Tag frage ich mich aufs Neue: Warum besitzen wir eigentlich so viele Sachen?

 

Vor einem Jahr hat unser ganzes Leben in zwei Rucksäcke gepasst.


Jetzt stehen wir zwischen Kartons voller Dinge, von denen wir teilweise nicht einmal mehr wussten, dass wir sie besitzen.


Wo kommt das alles her?

Und vor allem: Wo soll das alles hin?


Plötzlich braucht jedes einzelne Teil einen Platz.


Die Schüsseln.

Die Bücher.

Die Winterjacken.

Die Kabel, bei denen niemand mehr weiss, wofür sie eigentlich sind.


Und zwischen "Das könnte vielleicht irgendwann noch nützlich sein" und "Warum haben wir davon drei?" verbringt man plötzlich einen kompletten Nachmittag.


Nach einem Jahr auf Weltreise, in dem wir mit erstaunlich wenig ausgekommen sind, wirkt unser Besitz auf einmal überfordernd.



Willkommen zurück im Erwachsenenleben


Kaum ist man wieder da, wartet das ganz normale Leben schon an der Tür.


Bei der Gemeinde anmelden.

Versicherungen überprüfen.

Konten sortieren (Wo ist das Geld hin? Ach ja, da war ja was...).

Briefe beantworten.

Termine vereinbaren.


Und in diesem Chaos schwebt sie schon über mir.

Die Steuererklärung.

Ich verdränge sie bisher erfolgreich.

Aber wir wissen beide, dass sie irgendwann gewinnen wird.


Dazu kommen hundert Entscheidungen, die einzeln überhaupt kein Problem wären.

Zusammen sind sie plötzlich ein Vollzeitjob.


Und dann ist da noch der Kleiderschrank.

Oder besser gesagt: Mehrere Taschen.

Kartons.

Wäscheberge.


Ein Jahr lang gab es morgens genau eine Entscheidung.


Ist das T-Shirt sauber?

Perfekt.


Jetzt könnte ich theoretisch aus meinem kompletten Kleiderschrank wählen.


Praktisch habe ich in den ersten Tagen einfach weiter das angezogen, was noch im Rucksack lag.


Nein, ich bin nicht besonders minimalistisch geworden, aber mein Kopf hätte bei noch einer Entscheidung einfach gestreikt.

 


Die Überwältigung kommt leise


Sie sitzt morgens mit am Frühstückstisch.


Sie sorgt dafür, dass dieselbe To-do-Liste seit Tagen immer länger statt kürzer wird.


Dass man einen Karton öffnet, kurz hineinschaut und ihn direkt wieder schliesst.

Nicht heute.


Sie steckt in diesen tausend kleinen Entscheidungen, die alle völlig harmlos sind.

Bis sie plötzlich gleichzeitig passieren.


Und ganz ehrlich?


Wir sind gerade einfach müde.


Vom Ankommen.


Weil unser Kopf gleichzeitig versucht, Erinnerungen zu sortieren, einen Alltag aufzubauen, eine Wohnung einzurichten und dazwischen wieder ganz normal zu funktionieren.

 


Der Ruhepol im Chaos


Mir ist das manchmal alles ein bisschen zu viel.


Bei Fabio sieht das anders aus.


Der nimmt das alles erstaunlich locker, obwohl er auch müde ist.


Aber während ich die komplette To-do-Liste gleichzeitig in meinem Kopf abspiele und gedanklich schon bei der Steuererklärung angekommen bin, hat er längst den nächsten Karton geöffnet.


"Eins nach dem anderen."

"Das wird schon gehen."

"Wir machen einfach Schritt für Schritt."


Ich höre ihm zu und denke mir jedes Mal: Ja, theoretisch hast du recht. Praktisch habe ich in den letzten fünf Sekunden aber bereits zwölf neue Probleme gefunden.


Und trotzdem hat er natürlich recht.


Während ich noch analysiere, priorisiere und mir Sorgen mache, hat er schon das WLAN angeschlossen und die erste Lampe aufgehängt.


Vielleicht sind Männer da tatsächlich einfach etwas pragmatischer.


Oder sie sind einfach besser darin, Dinge auszublenden, die erst nächste Woche ein Problem werden.


Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass es ganz praktisch ist, wenn in einer Beziehung wenigstens eine Person nicht gleichzeitig mental alle Kartons auspackt.

 


Was mir gerade hilft


1. Nicht alles braucht sofort einen Platz.

Manche Kartons dürfen einfach noch Kartons bleiben.

Nicht jede Ecke muss diese Woche fertig werden.

Ein Zuhause entsteht nach und nach.

 

2. Jeden Tag nur ein Erwachsenenproblem.

Heute Gemeinde.

Morgen Internet.

Übermorgen vielleicht die Steuererklärung.

(Wobei... die Fristverlängerung ist eingereicht.)

 

3. Erst einmal mit dem leben, was da ist.

Ich muss nicht sofort alles neu kaufen oder perfekt organisieren.

Das was da ist, reicht. Und auf Reisen haben wir schliesslich gelernt, wie man improvisiert.

 

4. Vermissen und Vorfreude dürfen gleichzeitig existieren.

Ich vermisse das Unterwegssein.

Die Spontanität.

Die Leichtigkeit.

Und gleichzeitig freue ich mich, meine Liebsten endlich wieder in die Arme schliessen zu können, in die Migros einkaufen zu gehen und nicht mehr überlegen zu müssen, in welchem Land ich gerade SIM-Karten kaufen muss.

Beides schliesst sich nicht aus.

 

5. Mich daran erinnern, dass Veränderung auch dann anstrengend ist, wenn sie schön ist.

Wir unterschätzen oft, wie viel Energie ein Neuanfang kostet.

Nicht nur der mutige Schritt, sondern auch alles, was danach kommt.



Fazit zu unserem Ankommen


Ankommen beginnt in dem Moment, in dem wir uns erlauben, Schritt für Schritt unseren Platz zu finden.


Mit jedem ausgepackten Karton, jeder eingeräumten Schublade und jedem kleinen Haken auf der To-do-Liste wächst das Gefühl von Zuhause ein Stück mehr.


Der wichtigste Schritt ist jedoch, den eigenen Rhythmus wiederzufinden und sich die Zeit zu geben, die es dafür braucht.


Manchmal geht es beim Ankommen gar nicht darum, wieder die Person von vorher zu werden, sondern herauszufinden, wer man nach all den Erlebnissen geworden ist.


Und wenn das bedeutet, dass man zwischen Umzugskartons sitzt, zum dritten Mal dieselben fünf T-Shirts aus dem Rucksack trägt und sich fragt, warum man offenbar sieben verschiedene Auflaufformen besitzt ...


... dann gehört vermutlich genau das dazu.


Möglicherweise ist Überwältigung gar kein Zeichen dafür, dass wir etwas falsch machen, vielleicht ist sie einfach der Preis dafür, dass wir gewachsen sind.



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