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Beziehung nach der Weltreise: Wir sind wieder ein ganz normales Paar. Leider.

Autorenbild: Livia Walker
Livia Walker
20. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Sept.

"Wir müssen reden."


Fabio sitzt am Küchentisch.

Ich stehe vor ihm.

Es ist ernst.

Sehr ernst.



Weiblichkeit auf Langzeitreise

"Warum hast du das Handtuch so aufgehängt?"

Fabio schaut mich an.

"Wie?"

"So."

Ich zeige auf das Handtuch.


"Was ist falsch daran?"

"Nichts."

"Aber?"

"Es ist einfach… anders."


Fabio schaut zum Handtuch.

"Schatz. Es ist ein Handtuch."

Ich weiss. Darum sage ich es ja.


Wir sind wieder zu Hause.



Wir gegen die Welt war gestern


Ein Jahr lang waren wir ein Team.

Wir hatten zwei Rucksäcke und erstaunlich wenig Ahnung, was wir eigentlich tun.

Wir wussten manchmal nicht, wo wir am Abend schlafen.

Wir wussten nicht, wie der Bus funktioniert.

Wir wussten nicht, ob das Essen auf unserem Teller Huhn, Fisch oder eine sehr kreative Interpretation von irgendetwas war.


Aber wir wussten: Wir zwei schaffen das.


Wir haben gemeinsam Grenzen überquert.

Busse genommen, bei denen ich bis heute nicht verstehe, wie sie die technische Abnahme bekommen haben.

Wir haben uns verirrt.

Wir haben uns wiedergefunden.

Wir haben uns gestritten.

Und fünf Minuten später gemeinsam einen Sonnenuntergang angeschaut.


Wir waren ein Team.

Wir gegen die Welt.


Und dann kamen wir nach Hause.


Jetzt sind wir manchmal: Livia gegen Fabio.


Runde 1: Handtuch.

Runde 2: Geschirrspüler.

Runde 3: Müll.

Runde 4: Wer hat die Bartstoppeln im Brünneli nicht runtergespült?


Das ist übrigens keine rhetorische Frage.

Ich weiss, wer es war.



Auf Weltreise gab es keine Haushaltsthemen


Das war genial.

Wir hatten keinen Haushalt.

Wir hatten zwei Rucksäcke.

Das war unser gesamter Hausrat.


Wenn etwas schmutzig war, wurde es gewaschen.

Wenn etwas kaputt war, wurde es repariert.

Wenn etwas fehlte, wurde es gekauft.

Wenn wir Hunger hatten, gingen wir essen.

Fertig.


Heute haben wir eine Wohnung.

Eine Küche.

Einen Keller.

Einen Wäschekorb.


Und offenbar eine unterschiedliche Auffassung davon, was wohin gehört.



Wir haben plötzlich wieder Zeit für Dinge, die wir auf Weltreise nicht hatten


Zum Beispiel für Diskussionen.


"Warum steht die Schüssel da?"

"Wo?"

"Da."

"Ja."

"Warum?"

"Weil ich sie dort hingestellt habe."

"Aber warum dort?"

"Weil sie da hingehört."

"Nein."

"Doch."

"Nein."

"Fabio, es ist eine Schüssel."

"Ich weiss, darum verstehe ich nicht, warum sie da steht."


Auf der Weltreise hätten wir diese Energie für etwas Sinnvolles gebraucht.


Zum Beispiel:

"Unser Bus fährt in drei Minuten."

"Wo ist der Bus?"

"Keine Ahnung."

"Okay."


Wir hätten gelacht.


Heute:

"Der Wäschekorb ist voll."

"Ja."

"Kannst du die Wäsche waschen?"

"Später."

"Wann ist später?"

"Später."

 


Auch unsere Romantik ist wieder ganz anders


Auf der Reise:

"Schau mal!"

"Wow."

"Ist das nicht unglaublich?"

"Doch."


Wir stehen irgendwo am anderen Ende der Welt.

Sonnenuntergang.

Palmen.

Meer.

Wir haben keine Ahnung, welcher Wochentag ist.

Es ist perfekt.


Heute:

"Was machen wir heute Abend?"

"Keine Ahnung."

"Sollen wir etwas unternehmen?"

"Eigentlich bin ich müde."

"Ich auch."


Zwanzig Minuten später sitzen wir auf dem Sofa.

Beide am Handy.

Pizza auf dem Tisch.

Netflix läuft.

Wir schauen uns an.

"Was schauen wir?"

"Keine Ahnung."


Romantik 2.0.



Die Wäsche-Diskussion


Die Wäsche ist inzwischen ein eigenes Familienmitglied.

Sie wächst.

Sie vermehrt sich.

Ich bin überzeugt, dass sie nachts neue Wäsche produziert.


"Hast du die Wäsche aufgehängt?"

"Ja."


Fabio geht zum Wäscheständer.

Schaut.

Atmet tief ein.


"Was?", frage ich.

"Warum hast du die Unterhosen übereinander gehängt?"

"Weil es Platz spart."

"Aber dann trocknen sie nicht."

"Doch."

"Nein."

"Doch."


Wir stehen vor einem Wäscheständer.

Zwei Erwachsene.

Mitte dreissig.

Wir haben die Welt bereist.

Und jetzt diskutieren wir über die physikalischen Eigenschaften von nasser Unterwäsche.



Der stinknormale Alltag


Während der Reise dachte ich oft: Wie schön wird es sein, wieder ein Zuhause zu haben.

Ein richtiges Bett.

Eine Küche.

Unser eigenes Badezimmer.

Einen Kleiderschrank.

Einen Kühlschrank, in dem nicht alles nach dem ersten Tag nach irgendetwas Unidentifizierbarem riecht.


Jetzt haben wir all das.

Trotzdem vermisse ich das Unterwegssein.

Einfach dieses Gefühl.

Dieses: Wir wissen nicht, was morgen passiert.


Zu Hause wissen wir es.


Morgen ist Montag.

Dann Dienstag.

Dann Mittwoch.

Dann vermutlich Wäsche.

Und irgendwann wieder Wochenende.


Es ist okay.

Aber eben auch ziemlich… normal.



Ist das die nächste Reise?


Die Weltreise hat uns gezeigt, dass wir zusammen ziemlich viel können.

Jetzt müssen wir herausfinden, wie wir auch den Alltag können.

Das ist nämlich eine völlig andere Disziplin.


Auf Weltreise:

"Unser Flug wurde gestrichen."

"Okay. Wir finden eine Lösung."


Zu Hause:

"Du hast den Geschirrspüler falsch eingeräumt."

"Wie bitte?"

"Da."

"Das ist doch egal."

"Nein."

"Warum?"

"Weil."


Plötzlich ist es persönlich.

Sehr persönlich.

Das ist eben Liebe nach der Weltreise.


Nicht mehr gemeinsam vor einem Wasserfall stehen und denken: "Wow. Was für ein Leben."


Sondern gemeinsam in der Migros stehen und diskutieren, ob wir wirklich noch Käse brauchen.


"Wir haben doch noch Käse."

"Nein."

"Doch."

"Der ist seit acht Tagen offen."

"Der ist noch gut."

"Er riecht."

"Käse riecht."



Fazit


Auch eine Beziehung kann irgendwann an einem Punkt ankommen, an dem man nicht mehr weiss, ob man gerade über Lebensmittel oder über Grundwerte diskutiert.

Vermutlich ist genau das unser neues Abenteuer.


Nicht mehr: Welches Land kommt als Nächstes?

Sondern: Wer bringt heute den Müll raus?


Nicht mehr: Wo schlafen wir heute?

Sondern: Warum ist das Bett nicht gemacht?


Nicht mehr: Schaffen wir es gemeinsam bis ans andere Ende der Welt?

Sondern: Schaffen wir es gemeinsam durch einen Sonntag ohne uns über irgendetwas völlig Unnötiges aufzuregen?


Ich würde sagen: Wir sind wieder angekommen.


Wir haben ein Zuhause.

Wir haben einen Alltag.

Wir haben uns.


Und wir haben gelernt: Man kann 24 Länder bereisen, Grenzen überqueren und ein Jahr lang aus zwei Rucksäcken leben, aber nichts bereitet einen darauf vor, mit seinem Partner zusammenzuleben, der eine andere Meinung darüber hat, wie man eine leere Klopapierrolle entsorgt.


Das nächste grosse Abenteuer?

Vielleicht eine Weltreise.

Vielleicht ein neues Projekt.

Vielleicht einfach nur ein Wochenende ohne Diskussionen.


Wobei.

Fabio hat gerade gefragt, warum ich die Unterhosen schon wieder übereinander aufgehängt habe.

Ich glaube, wir müssen reden.


Adios.

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