Wohnung einrichten als Paar: Wenn einer Stil hat und der andere das Budget

Es gibt Paare, bei denen beide dieselbe Vorstellung von einer Wohnung haben.
Und dann gibt es Fabio und mich.

Fabio hat einen Einrichtungsstil. Ich habe ein Bauchgefühl.
Fabio weiss genau, was er will.
Sehr genau.
Er hat Bilder im Kopf.
Konzepte.
Farbschemata.
Materialien.
Wahrscheinlich könnte er im Schlaf erklären, warum dieser Beistelltisch nicht zu dieser Lampe passt.
Und dann bin da ich.
Ich betrete ein Möbelgeschäft und denke: "Oh, das ist schön."
Mehr kann ich dazu meistens nicht sagen.
Warum es schön ist? Keine Ahnung.
Ob es zum Rest passt? Noch weniger Ahnung.
Ob es in drei Wochen immer noch schön ist? Frag mich später.
Möbelstücke analysieren
Fabio hingegen sieht ein Möbelstück und analysiert es direkt wie ein Innenarchitekt.
"Das Holz passt nicht zum Boden."
"Okay."
"Der Stil beisst sich mit dem Sideboard."
"Okay."
"Und die Griffe wirken billig."
"Es hat Griffe?"
Ich gebe mir wirklich Mühe, aber wenn mich jemand fragt, welchen Einrichtungsstil ich mag, bekomme ich ungefähr dieselbe Panik wie bei Sicherheitsfragen fürs Onlinebanking.
Was gefällt mir eigentlich?
Boho?
Modern?
Skandinavisch?
Landhaus?
Minimalistisch?
Keine Ahnung.
Ich weiss nur: Wenn ich einen Raum sehe, merke ich meistens innerhalb von drei Sekunden, ob ich ihn mag oder nicht.
Die Herausforderung ist nur: Dieses Gefühl lässt sich erstaunlich schlecht in Worte fassen.
Vor allem gegenüber jemandem, der sehr genau weiss, was er möchte.
Alte Möbel treffen auf neue Wohnträume
Nach unserer Weltreise standen wir vor meinen alten Möbeln. Diese durfte ich netterweise schon vor 2 Jahren bei meinen Eltern einlagern, als ich zu Fabio zog.
Fabio betrachtete sie.
Lange.
Zu lange.
"Was?", fragte ich.
"Nüt."
"Fabio."
"Nüt."
"Fabio."
Er seufzte.
"Also ..."
Da wusste ich bereits, dass nichts Gutes kommt.
"Mer mend nid alles mitnäh."
Natürlich nicht alles.
Aber offenbar auch nicht die Hälfte.
Mein Regal und das offenbar diplomatische Wort "speziell"
Jedes Mal, wenn ich auf ein Möbelstück zeigte, machte er dieses Gesicht.
Dieses höfliche Gesicht.
Dieses Gesicht, das sagt: "Ich liebe dich sehr, aber dieses Möbelstück leider nicht."
"Was hesch gäg das Regal?"
"Gar nüt."
"Du lügsch."
"Es isch halt ..."
"Ja?"
"Es isch sehr... speziell."
Speziell.
Der diplomatische Friedhof aller hässlichen Möbel.
Ich musste lachen.
Weil er ja nicht einmal ganz unrecht hat.
Viele meiner Möbel habe ich nicht gekauft, weil sie perfekt zusammenpassen, sondern weil sie gerade praktisch waren.
Und günstig.
Ehrlich gesagt sah meine bisherige Einrichtung manchmal auch genau so aus.
Einrichten und Weltreise Déjà-vu
Fabio denkt in Gesamtkonzepten.
Ich denke in einzelnen Möbelstücken.
Er sieht den ganzen Raum.
Ich sehe einen hübschen Sessel.
Aber unsere grösste Diskussion dreht sich gar nicht um Farben oder Möbel.
Sondern ums Geld.
Und wer uns von der Weltreise kennt, wird jetzt nicht überrascht sein.
Denn dort hatten wir genau dieselbe Dynamik.
Fabio entdeckt ein wunderschönes Boutique-Hotel.
Ich entdecke eine Unterkunft mit 9,2 Sternen, Frühstück inklusive und 40 Franken günstiger.
Genau gleich läuft es jetzt beim Einrichten.
"Schau mal, dieser Esstisch."
"Wow. Schön."
"Denk ich auch."
"Darf ich fragen, was er kostet?"
Fabio nennt die Zahl.
Ich atme kurz nicht mehr.
"Das isch nid im Budget."
"Qualität chostet."
"Das isch kei Qualität meh. Das isch e Hypothek."
Fabio lacht.
Ich auch.
Teure Lampe oder günstige Alternative?
Während Fabio bereit ist, für schöne Dinge etwas mehr auszugeben, läuft in meinem Kopf permanent ein Vergleichsportal.
Brauchen wir wirklich diese teure Lampe?
Oder macht die Lampe für einen Drittel des Preises nicht exakt denselben Job?
Nämlich leuchten?
Für Fabio ist das manchmal eine etwas zu pragmatische Sichtweise.
Für mich hingegen ist sie pure Vernunft.
"Die Stüehl sind wunderschön."
"Ja."
"Miär nähmed die, oder?"
"Wie viel?"
"Spielt doch kei Rolle."
"Für mich scho."
"Du bisch unmöglich."
"Und du bisch verschwenderisch."
"Ich ha Stil."
"Ich ha es Budget."
Die perfekte Wohnung liegt dazwischen
Fairerweise braucht es vermutlich beides.
Denn wenn es nur nach Fabio ginge, hätten wir die schönste Wohnung der Schweiz.
Und wenn es nur nach mir ginge, hätten wir wahrscheinlich die günstigste.
Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit.
Wie schon auf der Weltreise.
Dort hat Fabio dafür gesorgt, dass wir manchmal Dinge erleben, für die es sich lohnt, Geld auszugeben.
Und ich habe dafür gesorgt, dass wir uns diese Dinge auch noch drei Monate später leisten konnten.
Jetzt machen wir offenbar genau dasselbe mit einer Wohnung.
Er sorgt dafür, dass sie schön wird.
Ich sorge dafür, dass wir danach noch Geld für Lebensmittel haben.
Ich glaube, das ist mittlerweile unsere Superkraft.
Fabio hat den Stil.
Ich habe den Taschenrechner.
Und gemeinsam schaffen wir es hoffentlich, eine Wohnung einzurichten, die nicht nur schön aussieht, sondern sich auch nach Zuhause anfühlt.
Auch wenn wir bis dahin noch über mindestens drei Tische, fünf Lampen und mein armes Regal diskutieren werden.




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