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Ein Jahr Weltreise: Warum wir jetzt Ferien brauchen und was wir heute anders machen würden

  • Autorenbild: Livia Walker
    Livia Walker
  • 11. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19false54 GMT+0000 (Coordinated Universal Time)

Hey Leute, eine Weltreise ist echt anstrengend. Ob ihr's glaubt oder nicht.


Klar, von aussen sieht das alles immer ziemlich nach Dauerferien aus: Palmen, Sonnenuntergänge, neue Länder, Freiheit, Abenteuer.


Das ist es auch, aber eben nicht nur.

 


Ein Jahr Weltreise und warum wir jetzt Ferien brauchen


Reisen sind keine Ferien


Eine Weltreise ist kein verlängertes Wochenende. Es ist ein ziemlich intensives Vollzeitleben im Akkordmodus.


Man wechselt ständig Orte, Betten, Sprachen, Währungen, Supermärkte, Gerüche und Geräusche.


Man lernt Menschen kennen und verabschiedet sich wieder.


Man organisiert sich permanent neu.


Und man trifft ungefähr 547 Entscheidungen pro Tag, obwohl man eigentlich dachte, man sei losgereist, um genau davon mal eine Pause zu haben.


Wo schlafen wir morgen?


Haben wir ein Visum?


Ist das Wasser hier safe?


Warum fährt dieser Bus einfach nicht los?


Und wieso hat dieser Mann gerade ein lebendiges Huhn neben meinem Fuss deponiert?


Man konsumiert nicht einfach Ferien. Man verarbeitet konstant. Und irgendwann merkt man: Auch die schönsten Abenteuer machen müde.


Sehr müde.



Selbst Abenteuer machen irgendwann müde


Wir brauchen mittlerweile etwa gleich dringend Ruhe wie andere Menschen Sauerstoff.


Fabio weiss das.


Ich weiss das.


Und sogar Elisabeth weiss das.


Für alle, die neu dabei sind: Elisabeth ist unser Alpaka. Also technisch gesehen ein gehäkeltes Alpaka. Emotional gesehen allerdings ein vollwertiges Familienmitglied.


Sie begleitet uns seit Peru durch die Weltgeschichte, hat mittlerweile mehr Länder gesehen als die meisten Menschen und war bei erstaunlich wenigen Grenzübertritten nervös.


Im Gegensatz zu mir.


Während ich regelmässig kleine Krisen bekomme, weil irgendein Bus nicht fährt oder plötzlich niemand mehr weiss, wo unser Hotel eigentlich sein soll, sitzt Elisabeth einfach im Rucksack und schaut zufrieden in die Gegend.


Ich glaube mittlerweile, sie ist die Stabilste von uns dreien.

 


Wie zur Hölle soll ich jemals wieder nicht reisen?


In wenigen Wochen steigen Fabio und ich in einen Zug zurück in die Schweiz.


Zurück in unseren Alltag.


Zurück zu Waschmaschinen, Krankenkassenbriefen und Leuten, die Sätze sagen wie: «Wow. So lange hätte ich gar nie reisen können.»


Ich hingegen frage mich aktuell eher: Wie zur Hölle soll ich jemals wieder nicht reisen?


Ein Jahr lang waren wir unterwegs.


Und ich weiss noch genau, wie wir am Anfang dachten, dass ein Jahr praktisch unendlich lang ist.


Die Wahrheit: Ist es nicht.


Ein Jahr Weltreise geht ungefähr gleich schnell vorbei wie ein Sonntag auf dem Sofa.

Nur mit mehr Mückenstichen und deutlich mehr emotionalen Zusammenbrüchen in verschiedenen Ländern dieser Welt.

 


Warum wir jetzt Badeferien brauchen


Und genau deshalb machen wir jetzt etwas, worauf ich mich fast genauso freue wie damals auf den Reisebeginn: Badeferien.


Ja.


Einfach richtige Badeferien.


Pool. Meer. Buch. Nichts tun. Herrlich, oder?

 

Die Hardcore-Backpacker verspotten uns jetzt vermutlich.


Irgend so ein 22-jähriger Australier namens Finn sitzt wahrscheinlich gerade barfuss irgendwo auf einem Holzbänkli, trinkt einen selbst gebrauten Kombucha aus einer Kokosnuss und sagt: «You really don't experience the country if you stay in resorts.»


Aber Finn hat auch Bandscheiben, die noch ab Werk sind.


Finn musste noch nie acht Nachtbusse hintereinander überleben.


Finn hat vermutlich noch nie versucht, mit drei verschiedenen Apps, zwei SIM-Karten und einem schwachen WLAN herauszufinden, wo zur Hölle sein nächster Bus überhaupt abfährt.


Ach Finn.


Ich verstehe dich.


Aber ich bin über 30.


Mein Rücken macht Geräusche beim Aufstehen und ich brauche emotionalen Support nach zu vielen Grenzübertritten.


Ich WILL jetzt einfach liegen.


Ein bisschen existieren. Ein bisschen Sonne. Ein bisschen Hirn aus. Damit wir nicht komplett erschöpft zurückkommen.

 


Das Ende einer kleinen Parallelwelt


Denn so wunderschön diese Reise war: Sie war auch verdammt intensiv.


Und ich glaube, genau deshalb tut das Ende auch weh.


Weil dieses Jahr nicht einfach Ferien waren, es war ein ganzes Leben.


Ein kleines Paralleluniversum.


Eines ohne Alltag, ohne Verpflichtungen und ohne «man müsste mal».


Nur Fabio, Elisabeth, ich und die grosse, wunderschöne, anstrengende Welt.


Und bald ist das vorbei.


Fabio findet das okay.


Ich selbstverständlich nicht.


Ich habe jetzt schon leichtes Herzweh beim Gedanken daran, bald wieder Schuhe für «normale Anlässe» besitzen zu müssen.



Was wir nach einem Jahr Weltreise anders machen würden


Nach einem Jahr unterwegs würden wir heute ein paar Dinge anders machen, oder zumindest bewusster einbauen, um nicht komplett im Eindrückemarathon unterzugehen.


1. Weniger planen und mehr spontan entscheiden

Vor der Reise hatten wir für viele Länder bereits eine ziemlich genaue Route im Kopf. Rückblickend hätten wir uns öfter erlaubt, Pläne über Bord zu werfen.


Manche Orte haben uns viel besser gefallen als erwartet, andere deutlich weniger. Trotzdem hält man manchmal an einer Route fest, nur weil sie einmal auf dem Papier gut ausgesehen hat.


Heute würden wir uns häufiger fragen: Wollen wir wirklich weiterziehen oder glauben wir nur, dass wir sollten?


2. Nicht jedes Highlight mitnehmen wollen

Am Anfang hatten wir oft das Gefühl, möglichst viel sehen zu müssen.


Wenn alle von einem Ort schwärmen, möchte man natürlich auch hin. Irgendwann merkt man aber, dass man nicht jede Sehenswürdigkeit, jeden Nationalpark und jede Insel besuchen muss, nur weil sie auf irgendeiner Bucket List stehen.


Einige unserer schönsten Erinnerungen entstanden an Orten, die wir ursprünglich gar nicht geplant hatten.


3. Mehr Zeit für Alltag einplanen

Das klingt zuerst komisch, wenn man auf Weltreise ist.


Aber genau die normalen Tage sind oft die, die am meisten Energie zurückgeben. Ein paar Wochen am gleichen Ort wohnen. Immer ins gleiche Café gehen. Nicht ständig Koffer packen.


Alltag auf Reisen fühlt sich manchmal überraschend luxuriös an.


4. Weniger auf Social Media schauen

Wer viel reist, sieht ständig Menschen, die scheinbar noch spektakulärer unterwegs sind.


Während man selbst gerade erschöpft auf einem Busbahnhof sitzt, springt irgendwo jemand von einem Wasserfall oder postet den perfekten Sonnenuntergang.


Heute würden wir uns viel häufiger daran erinnern, dass wir unsere Reise nicht mit den Highlights anderer vergleichen müssen.


5. Früher auf Erschöpfung reagieren

Lange Zeit dachten wir, wir müssten einfach noch ein bisschen durchziehen.


Noch eine Stadt. Noch ein Nachtbus. Noch ein Land. Irgendwann wurden unsere Batterien immer leerer.


Rückblickend hätten wir manche Pausen früher eingelegt. Nicht erst dann, wenn wir komplett erschöpft waren.


Denn Erholung ist auf einer Weltreise kein Luxus, sie ist Teil der Reise.


6. Mehr Geld für Komfort einplanen

Am Anfang spart man oft an den falschen Stellen.


Ein günstiger Nachtbus klingt super, bis man völlig übermüdet ankommt. Das billigste Hotel verliert schnell seinen Charme, wenn man drei Nächte nicht richtig schläft.


Heute würden wir an manchen Stellen lieber etwas mehr bezahlen und dafür deutlich entspannter reisen.



Und jetzt? Keine Ahnung!


Eine Weltreise ist kein Wettbewerb und auch keine Bucket-List-Abarbeitung.


Sie ist eher ein sehr intensives Leben auf Zeit.


Mit allen Höhen, Tiefen und überraschend vielen Momenten, in denen man einfach nur kurz sitzen möchte.


Und genau deshalb ist es völlig okay, wenn man zwischendurch nicht mehr «mehr erleben», sondern einfach mal weniger erleben möchte.


Die Rucksäcke werden irgendwann wieder ausgepackt.


Der Alltag wartet.


Und zwischen all den Erinnerungen sitzt dann vermutlich auch Elisabeth irgendwann auf einem Regal in der Schweiz und schaut uns vorwurfsvoll an, als würde sie fragen: «Und was jetzt?»


Ganz ehrlich? Keine Ahnung.


Aber bevor wir das herausfinden müssen, machen wir jetzt erst einmal Ferien von der Weltreise.


Und ich glaube, sogar Elisabeth hat sie sich verdient.



2 Kommentare


SItagraf
11. Juni

Oh, ich bin überrascht und finde den Post verblüffend ehrlich, kann die Gedanken, Erfahrungen jedoch sehr gut nachvollziehen 😊.

Das Reisen endet ja nicht für immer, es kommt eine neue Zeit und die Bedürfnisse (und Bedarf) ändern sowieso immer mal wieder ... alles Gute; vor allem Erholung und einen guten Wiedereinstieg.

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weltweitwir
11. Juni
Antwort an

Vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Es freut mich sehr, dass du meine Gedanken und Erfahrungen nachvollziehen kannst. Schön, wenn diese Ehrlichkeit, mit der ich meine Blogs schreibe, ankommt.

Und du hast absolut recht: Das Reisen verschwindet ja nicht aus dem Leben, sondern verändert vielleicht einfach seine Form. Im Moment freuen wir uns vor allem darauf, etwas anzukommen, durchzuatmen und herauszufinden, was als Nächstes kommt.

Danke auch für die guten Wünsche, die können wir für Erholung und Wiedereinstieg bestens gebrauchen.

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