Finanzen als Paar auf Weltreise: Sparfuchs trifft auf Genussmensch
- Livia Walker

- 12. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Ich wusste ja, dass eine Weltreise vieles mit mir machen würde. Mich demütiger. Gelassener. Sonnenverwöhnter. Was mir aber niemand gesagt hat: Dass mein grösster Feind nicht Jetlag, Durchfall oder klapprige Nachtbusse sein würden, sondern ein Cappuccino für umgerechnet 6 Franken.
Und dass sich mein Verhältnis dazu überraschenderweise verändern würde.

Zur Einordnung: Ich bin die Person in dieser Beziehung, die finanzielle Sicherheit liebt. Die beim Wort Budget ein leichtes Kribbeln verspürt. Die vor Abreise dachte: Ein Jahr Weltreise? Kein Problem, wenn wir uns einfach zusammenreissen.
Fabio hingegen ist, wie soll ich sagen, finanziell eher ein Lebewesen nach dem Motto: Das Leben ist jetzt, das Geld kommt irgendwie wieder.
Ihr seht das Konfliktpotenzial.
Das Budget, unser (immer noch) drittes Beziehungsmitglied
Natürlich haben wir ein Budget. Sogar ein gutes. Durchdacht. Realistisch. Mit Puffer. Wirklich. Ich habe Wochen damit verbracht, Durchschnittskosten pro Land zu recherchieren, Wechselkurse zu vergleichen und mir einzureden, dass ich jetzt „locker“ bin.
Heute, zehn Monate später, kann ich sagen: Es funktioniert. Wirklich.
Unser Budget ist nicht nur Theorie geblieben, es trägt uns tatsächlich durch diese Reise. Und das ist wahrscheinlich die grösste Überraschung für mein früheres Ich. Für mich ist das Budget immer noch ein emotionales Sicherheitsnetz. Aber inzwischen eines, das sich bewährt hat.
Zwei Szenen aus der Budget-Krise
Ort: irgendwo in Südostasien.
Fabio: „Oh wow, schau mal, dieses Hotel ist mega schön.“
Ich (innerlich): Das kostet 12 Franken mehr als geplant. 30 FRANKEN. PRO NACHT. MAL 30. MAL 12 MONATE.
Ich (äusserlich, mittlerweile etwas entspannter): „Hm, ist schon knapp über dem Budget, aber vielleicht können wir’s ausgleichen?“
Fabio (lächelt): „Siehst, du.“
Ort: kleines, stylisches Café irgendwo in Mexiko.
Fabio: „Die haben hier Iced Latte mit Kokosmilch und irgend so einem fancy Sirup. Klingt wie in Vietnam, lass uns den mal bestellen.“
Ich (innerlich): 6.50. SECHS FRANKEN FÜNFZIG. Für KAFFEE. Das sind, warte, das sind 195 Franken im Monat, wenn man das jeden Tag macht. 2'340 im Jahr. ZWEITAUSENDDREIHUNDERTVIERZIG FRANKEN FÜR KAFFEE.
Ich (äusserlich): „Wir könnten auch einfach einen normalen Kaffee nehmen, oder im Hotel einen machen.“
Fabio (grinst, schon halb am Bestellen): „Oder wir geniessen einfach jetzt diesen Moment?“
Ich (innerlich): Moment geniessen = Budget ignorieren = finanzieller Untergang.
Ich (äusserlich, seufzend, aber mit leichtem Lächeln): „Okay, aber dann heute Abend nichts mehr Teures.“
Fabio: „Deal.“
5 Stunden später, beim Streetfood-Stand…
Fabio: „Oh schau, das sieht auch gut aus!“
Ich: …wir müssen reden.
Ich würde lügen, wenn ich sage, diese Stimme in meinem Kopf ist weg. Aber sie ist nicht mehr so präsent wie früher.
Meine Angst: Was, wenn es nicht reicht?
Jetzt mal ehrlich: Diese Angst ist nicht komplett verschwunden. Sie kommt noch, vor allem bei grösseren Ausgaben oder spontanen Ausflügen. Dieses kurze Herzflattern, wenn ich einen Preis sehe ist manchmal immer noch da.
Aber: Es ist nicht mehr diese Grundangst wie am Anfang. Denn nach zehn Monaten weiss ich inzwischen viel besser, was Dinge kosten, wie wir reisen, wo wir sparen und wo wir mehr ausgeben. Ich kann abschätzen: Es reicht. Für den Rest der Reise. Und das gibt mir wahnsinnig viel Sicherheit.
Wenn der Sparfuchs einen Genussmenschen liebt
Fabio, der Genussmensch
Fabio reist immer noch, um die Welt zu fühlen. Er liebt das gute Essen. Den Kaffee mit der schönen Aussicht. Die spontane Abenteuer-Tour.
Aber und das ist das Schönste daran: Er nimmt meine Ängste ernst.
Irgendwann hat er angefangen, unsere Tageskosten zu tracken. Wochenlang. Wirklich jeden Tag. Er ist natürlich nicht plötzlich zum Sparfuchs mutiert, er wollte mir einfach zeigen:„Schau, wir sind im Budget. Wirklich.“
Und wisst ihr was? Das hat mich unglaublich beruhigt.
Es ist eine Sache, daran zu glauben. Eine andere, es schwarz auf weiss zu sehen.
Ich, der Sparfuchs (der langsam lernt zu geniessen)
Ich bin immer noch die Person, die sagt: „Wir können auch im Supermarkt frühstücken.“
Und ganz ehrlich: Das wird sich wahrscheinlich nie ganz ändern. Auch nicht, wenn wir wieder zurück in der Schweiz sind.
Aber ich habe etwas dazugelernt. Ich spare nicht mehr nur aus Angst, sondern bewusster. Und ich kann mir inzwischen auch erlauben, Dinge zu geniessen, ohne sie direkt zu hinterfragen. Nicht immer. Aber öfter.
Und das ist schön.
Nach 10 Monaten auf Weltreise weiss ich inzwischen auch: Es ist völlig normal, als Paar nicht immer die gleichen Ansichten zu Geld zu haben. Der eine denkt in Budgets, der andere in Momenten und irgendwo dazwischen trifft man sich.
Wir diskutieren auch. Manchmal mehr, manchmal weniger. Über Hotels, Ausflüge oder eben den berühmten Cappuccino. Aber das bedeutet nicht, dass etwas falsch läuft. Im Gegenteil: Diese Gespräche zeigen, dass man sich Gedanken macht, Verantwortung übernimmt und gemeinsam einen Weg finden will.
Wichtig ist nicht, dass ihr gleich tickt, sondern dass ihr lernt, euch gegenseitig zu verstehen. Denn darin liegt am Ende die eigentliche Stärke, nicht im perfekten Budget, sondern im gemeinsamen Umgang damit.
Was ich gelernt habe
1. Budget ≠ Gefängnis
Unser Budget funktioniert. Und genau deshalb darf es auch flexibel sein.
2. Sicherheit kann wachsen
Je länger wir unterwegs sind, desto mehr Vertrauen kommt dazu. Basierend auf Erfahrung.
3. Zahlen können beruhigen
Manchmal hilft es nicht, „einfach zu vertrauen“. Manchmal helfen klare Zahlen. Danke, Fabio.
4. Kompromisse dürfen sich gut anfühlen
Sparen für etwas Schönes fühlt sich besser an als alles zu vermeiden.
5. Genuss ist kein Fehler
Ein Cappuccino für 6 Franken ist nicht das Problem. Manchmal ist er genau das, was wir in diesem Moment brauchen.
Die Wahrheit
Wir budgetieren immer noch nicht perfekt. Wir diskutieren immer noch manchmal. Ich vergleiche immer noch heimlich Preise. Und Fabio sagt immer noch: „Ach komm.“
Aber: Unser Budget reicht. Wirklich.
Und ich lerne langsam, nicht nur loszulassen, sondern auch zu vertrauen. In unsere Planung. In unsere Entscheidungen. Und in uns.
…und genau deshalb sitze ich jetzt hier mit einem Kaffee, den ich früher dreimal hinterfragt hätte und geniesse einfach jeden verboten guten Schluck davon.




Em Sparfüchsli wyterhin viel Freud uf de Reis und viel Freud