Die schönsten Orte der Welt? Warum Reisen reine Geschmackssache ist

Nach unserer Weltreise werden wir ständig gefragt, wo es am schönsten war.
Die ehrliche Antwort: Kommt drauf an.
Auf unsere Laune, die Menschen, die Reiseerlebnisse und darauf, ob wir gerade ausgeschlafen waren.
Lasst mich das kurz erklären...

Seit wir von unserer Weltreise zurück sind, gibt es eine Frage, die uns verfolgt.
Nein, nicht: „Wie war es, ein Jahr aus dem Rucksack zu leben?“
Auch nicht: „Wie habt ihr es geschafft, ein Jahr lang zusammen zu sein, ohne euch gegenseitig umzubringen?“
Sondern: „Wo hat es euch am besten gefallen?“
Und weil die Menschheit offenbar gerne Rankings erstellt, folgt meistens direkt Frage Nummer zwei: „Und wo würdet ihr nicht mehr hingehen?“
Nun ja.
Da wird es spannend.
Denn sobald wir unsere Antworten geben, merken wir immer wieder: Was für uns ein absolutes Highlight war, kann für jemand anderen kompletter Reisehorror gewesen sein.
Und umgekehrt.
Dann sitzt da jemand und schwärmt von einem Land, bei dem wir denken: „Da waren wir auch. Und wir wollten eigentlich nur noch weg.“
Und schon beginnt die Diskussion.
Nicht selten mit ungefähr derselben Emotionalität wie eine politische Debatte in der Kaffeepause.
Der schönste Ort der Welt? Gibt's nicht.
Früher dachte ich, es müsse doch diesen einen Ort geben.
Diesen Ort, bei dem man aus dem Flugzeug steigt, einmal tief einatmet und sofort weiss:
Das ist er.
Der schönste Ort der Welt.
Sonnenuntergang inklusive. Musik im Hintergrund. Vielleicht noch ein paar Delfine, die zufällig vorbeischwimmen.
Die Realität ist leider weniger Hollywood.
Man steigt aus dem Bus, hat 38 Grad, der Rucksack klebt am Rücken und irgendwo bellt seit drei Stunden ein Hund.
Deshalb ist die Frage nach dem schönsten Ort eigentlich ziemlich unfair.
Denn was bedeutet „schön“ überhaupt?
Türkisblaues Wasser?
Berge?
Streetfood?
Wenig Touristen?
Gutes Wetter?
Oder vielleicht einfach ein Ort, an dem man sich gerade verdammt wohlfühlt?
Erwartungen sind kleine Reisekiller
Wir kennen das von uns selbst.
Je mehr wir uns auf einen Ort gefreut hatten, desto höher waren unsere Erwartungen.
Und Erwartungen sind bekanntlich kleine Saboteure.
Du hast vorher 47 Fotos gesehen.
Auf allen scheint die Sonne.
Das Wasser glitzert.
Niemand ist auf dem Bild.
Keine Mülltüte. Kein Stau. Kein Mensch, der direkt vor deinem Gesicht eine Selfie-Session mit seinem gesamten erweiterten Familienclan veranstaltet.
Du kommst an und denkst: „Moment mal. Wo ist hier bitte der Filter?“
Dabei ist der Ort gar nicht schlecht.
Er kann nur nicht gegen die Version gewinnen, die du dir vorher in deinem Kopf zusammengebaut hast.
Die Philippinen haben schliesslich nie behauptet, dass sie dich emotional heilen.
Bali hat dir keine spirituelle Erleuchtung versprochen.
Und Mexiko ist nicht dafür verantwortlich, dass du nach acht Monaten Reisen einfach langsam müde bist.
Manchmal ist nicht der Ort enttäuschend, sondern unsere Erwartung an ihn.
Und dann kommt plötzlich dieser eine Ort
Das Verrückte ist: Die Orte, von denen wir wenig erwartet haben, konnten uns manchmal am meisten überraschen.
Kein grosser Plan.
Kein „Das müssen wir unbedingt sehen“.
Manchmal einfach ein Zwischenstopp, weil die nächste Verbindung erst am nächsten Morgen fährt.
Dann sitzen wir irgendwo, trinken einen Kaffee und denken: „Ähm. Warum wollen wir hier eigentlich schon wieder weg?“
Genau das liebe ich am Reisen.
Dass die Welt sich nicht an unsere Bucketlist hält.
Dass ein Ort, den wir vorher kaum auf dem Radar hatten, plötzlich eine Erinnerung fürs Leben produziert.
Und da liegt wahrscheinlich der Vorteil von Orten ohne Erwartungen: Sie müssen nichts leisten. sie dürfen uns einfach überraschen.
Dann gibt es noch das kleine Problem namens: Wir selbst
Manchmal liegt es nämlich überhaupt nicht am Ort.
Sondern an uns.
Wir waren müde.
Hungrig.
Überreizt.
Oder hatten einfach einen Tag, an dem uns schon das Geräusch eines Plastiksacks auf die Nerven ging.
Nach Monaten auf Weltreise ist das durchaus möglich.
Wenn du seit Wochen aus einem Rucksack lebst, ungefähr alle drei Tage das Hotel wechselst, ständig deinen Pass suchst und dein Tagesplan aus „Wo schlafen wir heute?“ und „Wo gibt es Frühstück?“ besteht, kann selbst das Paradies irgendwann etwas anstrengend werden.
Dann stehst du am schönsten Strand der Welt und denkst nicht: „Wow!“
Sondern: „Hoffentlich hat unser Hotel eine Waschmaschine.“
Auch das gehört zum Reisen.
Ein Strand kann vieles sein, aber leider kein Therapeut.
Die Menschen sind sowieso schuld
Oder besser gesagt: Sie machen einen Ort.
Wir haben auf unserer Weltreise immer wieder erlebt, wie sehr Menschen unsere Erinnerung an einen Ort geprägt haben.
Ein gemeinsames Essen.
Ein langer Abend.
Ein Gespräch mit jemandem, den man wahrscheinlich nie wieder sieht.
Ein zufälliges Wiedersehen.
Jemand, der einem hilft.
Oder einfach diese eine Person, mit der man sofort auf einer Wellenlänge ist.
Plötzlich wird aus einem ganz normalen Ort unser Ort.
Vielleicht sagen wir deshalb manchmal: „Dieses Land war unglaublich.“
Obwohl wir bei genauerem Nachdenken merken:
Eigentlich meinen wir: „Wir haben dort unglaublich tolle Menschen kennengelernt.“
Ich glaube, das ist völlig legitim, denn Erinnerungen sind keine Tripadvisor-Bewertungen.
Sie werden nicht nach Aussicht, Sauberkeit und Preis-Leistungs-Verhältnis sortiert.
Warum wir denselben Ort komplett anders erleben können
Das ist auch der Grund, warum wir uns nach unserer Weltreise manchmal so wunderbar widersprechen.
Jemand fragt: „Wie fandet ihr Land XY?“
Wir sagen: „Nicht unser Favorit.“
Und unser Gegenüber: „Was?! Das war das Beste überhaupt!“
Dann erzählen wir unsere Geschichte.
Und die andere Person ihre.
Und plötzlich ergibt alles Sinn.
Denn wir waren zwar am selben Ort.
Aber nicht wirklich am selben Ort.
Wir hatten andere Erlebnisse.
Andere Erwartungen.
Andere Menschen um uns herum.
Eine andere Stimmung.
Vielleicht sogar anderes Wetter.
Und vor allem: Wir waren andere Menschen.
Timing ist ein Arschloch
Es gibt Orte, die hätten uns vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt gefallen.
Vielleicht waren wir einfach noch nicht bereit.
Vielleicht schon zu lange unterwegs.
Vielleicht hatten wir gerade nicht den Kopf frei.
Oder wir waren einfach so müde, dass selbst ein Naturwunder kurz davor war, uns zu langweilen.
Deshalb glaube ich mittlerweile, dass Timing beim Reisen viel wichtiger ist, als wir denken.
Manchmal passt der Ort, aber der Moment nicht.
Und manchmal passt einfach alles.
Du bist gut drauf.
Das Wetter spielt mit.
Du hast gerade etwas Schönes erlebt.
Die Unterkunft ist überraschend gut.
Du findest ein kleines Restaurant, in dem du am liebsten jeden Abend essen würdest.
Dann denkst du: „Ich liebe diesen Ort.“
Obwohl du zwei Wochen vorher wahrscheinlich noch nicht einmal gewusst hast, dass er existiert.
Unser persönliches Ranking? Schwierig.
Je länger wir wieder zurück sind, desto schwieriger finde ich deshalb diese Frage nach dem „schönsten Ort“.
Wir können natürlich sagen, welche Länder uns besonders gefallen haben.
Welche Orte uns überrascht haben.
Wo wir gerne länger geblieben wären.
Und wo wir vielleicht nicht unbedingt sofort wieder einen Flug buchen würden.
Aber ein objektives Ranking? Schwierig.
Denn Reisen funktioniert nicht wie die Schulnotenvergabe.
Es gibt kein:
Sri Lanka: 5,5
Japan: 6
Bangkok: 4,5 wegen Schlafmangel
Strand XY: 6 mit Sternchen
Zum Glück, denn das ist doch der Sinn dahinter.
Dass wir nicht alles vorher wissen.
Dass wir uns manchmal täuschen.
Dass wir enttäuscht werden.
Dass wir Orte lieben, die wir vorher völlig unterschätzt haben.
Und dass wir manchmal an einem Ort stehen, den alle anderen grossartig finden, und einfach denken: „Ja. Schön. Können wir jetzt weiter?“
Das ist völlig normal, liebe Leute.
Das eigentliche Highlight ist nicht der Ort
Wenn wir heute auf unsere Weltreise zurückblicken, erinnern wir uns deshalb gar nicht nur an die schönsten Strände oder beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten.
Wir erinnern uns an Gefühle.
An Menschen.
An völlig bescheuerte Situationen.
An Abende, an denen wir eigentlich nur kurz etwas essen wollten und plötzlich drei Stunden später noch immer dort sassen.
An Orte, an denen wir dachten: „Hier könnten wir bleiben.“
Und an andere, bei denen wir dachten: „Morgen. Morgen fahren wir ganz sicher weiter.“
Für uns ist das eine wichtige Erkenntnis nach einem Jahr Weltreise: Es gibt nicht den schönsten Ort der Welt.
Es gibt nur den Ort, an dem du dich in diesem Moment besonders wohlgefühlt hast.
Und das kann überall sein.
Am Traumstrand.
In einer chaotischen Grossstadt.
In einem kleinen Dorf.
In einem viel zu teuren Hotel.
Oder auf einem Plastikstuhl vor einem unscheinbaren Restaurant, während du etwas isst, dessen Namen du nicht aussprechen kannst.
Möglicherweise ist das der Grund, warum Reisen so süchtig macht.
Du kannst noch so viel planen.
Noch so viele Reiseblogs lesen.
Noch so viele „Top 10 der schönsten Orte der Welt“-Listen speichern.
Am Ende kommt es sowieso anders.
Manche Orte sind overrated. Manche unterschätzt. Manche würden wir sofort wieder besuchen. Andere nicht einmal mit einem kostenlosen Flug.
Und dann gibt es diese ganz besonderen Orte, die dich einfach erwischen.
Ohne Vorwarnung.
Ohne perfekte Kulisse.
Ohne Instagram-Moment.
Einfach nur, weil du genau dann genau dort warst.
Unser Fazit
Reisen ist am Ende wie Dating: Die grössten Erwartungen führen nicht unbedingt zum besten Match und manchmal verliebst du dich ausgerechnet in den, den du eigentlich nur für eine Nacht eingeplant hattest.
Oder kurz gesagt: Wir suchen ständig nach dem schönsten Ort der Welt und landen dann sowieso irgendwo, wo es regnet, wir zu viel gegessen haben und trotzdem nicht mehr wegwollen.
Denn manchmal ist der schönste Ort der Welt nicht der, den du gesucht hast. Sondern der, bei dem du plötzlich merkst: Scheisse. Hier könnte ich bleiben.




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