Zurück nach der Weltreise und schon wieder Fernweh

Kennt ihr das Gefühl, wenn man nach einer einjährigen Weltreise wieder im geordneten Berufsleben ankommt, den ersten Kaffee auf der Arbeit trinkt, den Computer hochfährt und sich nach exakt vier Minuten fragt: Wer hat eigentlich entschieden, dass Acht-Stunden-Tage eine gute Idee sind?

Versteht mich nicht falsch: Ein Jahr lang Weltreise, voller Rucksäcke, Kokosnüsse und der permanenten Suche nach funktionierendem WLAN, war halt einfach der absolute Traum.
Und kaum hatten Fabio und ich wieder angefangen zu arbeiten, sass ich am Küchentisch, starrte eine Müsli-Packung an und merkte, wie mir die Decke auf den Kopf fiel.
Ich geb's zu: Ich war diejenige mit den Hummeln im Hintern. Die Unruhestifterin.
"Fabio, wir müssen wieder weg."
„Fabio?“, fragte ich und setzte mein süssestes Überredungs-Lächeln auf.
Fabio sah von seinem Laptop auf. Er sah müde aus. „Schatz, nein. Wir arbeiten seit einem Monat.“
„Eine Woche! Nur eine kleine Woche!“
Er starrte mich an. „Wir waren gerade ein ganzes Jahr weg. Andere Menschen sparen fünf Jahre für so was. Und du brauchst nach wenigen Wochen Arbeit Ferien von der Arbeit?“
„Ich brauche keine Ferien von der Arbeit, ich brauche Ferien für die Seele! Das nennt man mentale Gesundheitsvorsorge!“, konterte ich fachfrauisch.
Wenn das Fernweh stärker ist als die Vernunft
Fabio seufzte, schloss langsam seinen Laptop, schaute mich an und diese kleine, verräterische Ecke seines Mundes zuckte nach oben.
Denn das schmutzige kleine Geheimnis war: Er wollte es genauso sehr wie ich.
Wir vermissten es beide. Dieses unbezahlbare Gefühl, zu zweit unterwegs zu sein, die Welt zu entdecken und den Alltag vorbeiziehen zu lassen.
Und so packten zwei völlig reisesüchtige Menschen wieder die Taschen.
Schon auf der Fahrt nach Innsbruck stellte sich dieses typische Unterwegssein wieder ein. Es ist diese ganz spezielle Erleichterung, wenn der Alltag im Rückspiegel kleiner wird und man merkt: Wir können das noch. Wir können einfach draufflosleben.
„Schatz?“, fragte Fabio, während wir kurz vor Wien im Stau standen.
„Hm?“
„Ist es nicht herrlich? Endlich wieder was Neues entdecken ohne dass wir vorher 14 Stunden im Flieger sitzen müssen?“
Ich schaute nach links. Da stand eine betonierte Lärmschutzwand. Ich schaute nach rechts. Da stand ein Lkw mit der Aufschrift Geflügeltransporte Müller.
„Absolut“, sagte ich. „Diese mitteleuropäische Autobahn-Romantik hat einfach was Abenteuerliches.“
Fabio grinste. „Du hast es wirklich nicht mehr ausgehalten, oder?“
„Keine Sekunde“, gab ich ehrlich zu.
Es muss gar nicht weit weg sein
Es reicht, einfach wieder loszufahren.
Europa reicht uns und dennoch ist es wie ein kleines Stück Weltreise.
Vielleicht liegt es daran, dass wir gerade erst von einem Jahr unterwegs zurückgekommen sind.
Vielleicht liegt es daran, dass wir gelernt haben, dass Abenteuer nicht zwingend auf der anderen Seite der Welt stattfinden müssen.
Oder vielleicht haben wir einfach wieder verstanden, wie gut uns das Unterwegssein tut.
Es ist egal, ob wir gerade durch eine fremde Stadt laufen oder irgendwo an einer Tankstelle stehen und einen Kaffee trinken.
Wir sind wieder unterwegs.
Und das ist für uns unglaublich viel.
Wir müssen nicht jeden Franken umdrehen
Auf unserer Weltreise war unser Budget unser ständiger Begleiter.
Wir wussten ziemlich genau, was wir ausgeben konnten und was besser nicht.
Ein paar Franken hier.
Ein günstiges Zimmer dort.
Noch schnell schauen, ob es irgendwo ein günstigeres Frühstück gibt.
Und diese eine Frage, die irgendwann automatisch im Kopf auftauchte: "Ist das zu teuer?"
Wir haben gelernt, mit wenig auszukommen.
Sehr wenig sogar.
Und wir würden diese Erfahrung niemals missen.
Jetzt ist es aber auch unglaublich schön, nicht ständig nachdenken zu müssen, ob der Kaffee jetzt 2 oder 4 Franken kostet.
Wir können einfach irgendwo sitzen.
Einen Kaffee bestellen.
Vielleicht noch ein Dessert dazu.
Ein schönes Abendessen geniessen.
Und uns denken: Heute gönnen wir uns das einfach.
Jetzt ist ein bisschen Luxus für uns plötzlich etwas Besonderes.
Ein schönes Hotelzimmer.
Ein spontaner Stopp irgendwo.
Ein Kaffee, obwohl wir eigentlich gar keinen gebraucht hätten.
Eine Kleinigkeit kaufen, einfach weil sie uns gefällt.
Nach einem Jahr, in dem wir so oft über Preise nachgedacht haben, ist es schön, manchmal einfach zu sagen: "Ach komm. Machen wir."
Das Spontane hat was
Eines der schönsten Gefühle ist für mich dieses: Wir wissen nicht, was als Nächstes kommt.
In dieser einen Woche einfach im Kleinen.
Wir wissen zwar, wo wir heute Abend schlafen, aber nicht unbedingt, wo wir morgen Mittag essen.
Wir wissen die grobe Richtung, aber nicht, wie genau der Tag aussehen wird.
Das liebe ich so am Reisen.
Diese kleinen Lücken im Plan.
Diese Momente, in denen man einfach schaut, was passiert.
Vielleicht entdeckt man eine schöne Gasse.
Oder man sitzt man plötzlich in einem Café, das gar nicht auf der Liste stand.
Vielleicht biegt man einmal falsch ab und landet irgendwo, wo man eigentlich gar nicht hinwollte.
Und mit ein bisschen Glück wird das am Ende der schönste Moment des Tages.
Wir haben gerade wieder diese Freiheit, nicht alles vorher wissen zu müssen.
Wieder wir zwei
Und dann ist da noch etwas, das mir vielleicht am meisten gefehlt hat.
Wir zwei beim Reisen.
Denn ein Jahr gemeinsam unterwegs zu sein, verändert eine Beziehung.
Man sieht sich wirklich.
24 Stunden am Tag.
Man diskutiert über Geld, Essen, Hotels, Busse, Flugzeiten und darüber, warum der andere schon wieder keine Ahnung hat, wo die Tickets sind.
Man freut sich gemeinsam.
Man nervt sich gemeinsam.
Man ist gemeinsam überfordert.
Manchmal möchte man, dass der andere kurz verschwindet, damit man fünf Minuten seine Ruhe hat.
Aber gleichzeitig wächst man unglaublich zusammen.
Man lernt, sich aufeinander zu verlassen.
Man entwickelt seine eigenen kleinen Abläufe.
Dann reicht ein Blick.
"Was denkst du?"
"Weiter."
"Sicher?"
"Ja."
Und schon läuft man los.
Da ist es wieder.
Dieses Wir.
Nicht Livia und Fabio, die nach Feierabend beide irgendwie ihren eigenen Alltag abarbeiten, sondern Livia und Fabio, die gemeinsam irgendwohin fahren.
Die gemeinsam überlegen.
Gemeinsam lachen.
Gemeinsam planlos sind.
Gemeinsam irgendwo ankommen.
Und manchmal einfach nebeneinander sitzen und denken: Wie schön ist es eigentlich, dass wir das zusammen machen?
Und? Ist die Abenteuerlust gestillt?
Und?“, fragte Fabio gestern Abend als wir bei Pizza und Wein sassen. „Hats gereicht? Ist die Reiselust gestillt?“
Ich blickte auf meine Margherita, dann zu dem Mann, der seit über einem Jahr mein treuester Reisebegleiter, Navigator und Lieblingsmensch ist.
„Ganz ehrlich?“, sagte ich und grinste. „Bald arbeite ich wieder. Aber ich fange heute Abend an, den nächsten Kurztrip zu planen.“
Fazit
Nach einem Jahr Weltreise haben wir davon geträumt, wieder ein Zuhause zu haben. Einen Kühlschrank, der nicht nur aus drei Joghurts und einer halben Papaya besteht. Ein Bett, das nicht bei jeder Bewegung klingt, als würde es gleich zusammenbrechen. Einen Kleiderschrank, aus dem man nicht nur das ziehen kann, was gerade nicht in der Wäsche ist.
Jetzt haben wir all das und trotzdem sitzen wir hier und denken schon über das nächste Wegfahren nach.
Wir haben während der Weltreise gelernt, dass es ein Leben gibt, das sich nicht mehr so einfach zurück in die Schublade stecken lässt.
Dass dieses Leben nicht nur aus Montag bis Freitag bestehen muss.
Dass man nicht fünf Jahre warten muss, bis man wieder etwas erlebt.
Dass man nicht erst kündigen, alles verkaufen und ans andere Ende der Welt fliegen muss, um sich frei zu fühlen.
Manchmal reicht ein Freitagabend.
Ein volles Auto.
Zwei Menschen, die beide keine Ahnung haben, was sie am nächsten Tag machen werden.
Und dieses wunderschöne Gefühl im Bauch, wenn man merkt: Wir sind wieder unterwegs.
Wir haben auf unserer Weltreise gelernt, wie wenig wir eigentlich brauchen.
Wir müssen nicht mehr jeden Tag das Maximum aus unserem Leben herausholen.
Wir wollen nur noch, dass es sich nach unserem Leben anfühlt.
Für uns bedeutet das momentan wohl:
Man arbeitet.
Man bezahlt Rechnungen.
Man hat einen Kalender.
Man hat Verpflichtungen.
Und dann sagt man irgendwann: "Scheiss drauf. Wir fahren am Wochenende weg."
Einfach, weil die Welt da draussen immer noch verdammt viel zu bieten hat.
Und weil ich nach einem Jahr Weltreise eines ziemlich sicher weiss: Ich will nicht irgendwann auf mein Leben zurückblicken und denken, dass wir immer auf den richtigen Zeitpunkt gewartet haben.
Ich will mich an die spontanen Wochenenden erinnern.
An die falschen Abzweigungen.
An viel zu teure Kaffees.
An unsere Diskussionen darüber, wo wir eigentlich hinfahren.
An das Lachen im Auto.
An dieses eine Lied, das wir hundertmal hören.
An Fabio neben mir.
Und an dieses Gefühl, dass wir zwei eigentlich überall zu Hause sein können, solange wir gemeinsam unterwegs sind.
Also ja.
Bald arbeiten wir wieder, aber wer weiss schon, wo wir nächsten Monat landen?
Am meisten vermisst habe ich vermutlich, das wir jederzeit sagen können: Komm. Wir gehen.
Und dass der andere schon die Autoschlüssel in der Hand hat.




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