Beziehung auf Reisen: Wir sind ein mobiles Service-Team
- Livia Walker

- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Es gibt diesen Moment auf Reisen, den fast jedes Paar kennt.
Man liegt abends in irgendeinem fremden Zimmer. Die Rucksäcke stehen halb offen am Boden. Die Klimaanlage summt. Und einer von beiden sagt: „Mir ist kalt.“
In manchen Beziehungen ist das ein harmloser Satz.
In unserer ist es ein Einsatzsignal.

Denn Reisen macht etwas mit Beziehungen. Es verändert sie nicht unbedingt, aber es legt sie offen. Plötzlich merkt man sehr schnell, wer wofür zuständig ist. Wer die Fernbedienung findet. Wer Dinge repariert. Wer Spinnen kontrolliert. Und wer dramatisch feststellt, dass die Klimaanlage offensichtlich versucht, einen langsam einzufrieren.
Oder anders gesagt: Auf Reisen merkt man plötzlich, dass man als Paar ein erstaunlich gut funktionierendes mobiles Service-Team ist.
Einsatzgebiet Kälte
Bei uns wurde relativ früh eine wichtige Zuständigkeit geklärt.
Wenn ich sage: „Mir ist kalt.“ Dann ist das kein harmloser Kommentar. Ich weiss, andere Menschen meinen damit: „Hm, bisschen frisch.“
Ich meine damit: Ich bin drastisch unterkühlt.
„Mir ist kalt.“ (Übersetzung: Ich überlebe das hier nicht.)
Wenn ich sage: „Mir ist kalt“, dann meine ich nicht: Zieh dir halt was an.
Dann meine ich: Meine Zehen fühlen nichts mehr, meine Seele hat Frost und dieses Zimmer ist kein Raum, sondern ein Kühlhaus.
Manchmal präzisiere ich noch leicht dramatisch: „Mir ist wirklich kalt.“ Oder: „Warum ist es hier so absurd kalt, wir sind doch in den Tropen?!“
Und Fabio weiss dann: Jetzt ist Einsatz.
Er steht auf. Findet die Fernbedienung der Klimaanlage, sie liegt übrigens immer an einem Ort, den nur er kennt, und stellt die Temperatur höher.
Danach schaut er mich an, als hätte er gerade einen lebensrettenden Eingriff vorgenommen.
Was er ja im Grunde auch hat.
Der Klimaanlagen-MacGyver
Es gibt noch eine zweite Situation, die auf Reisen erstaunlich häufig vorkommt.
Ich liege im Bett. Starre an die Decke. Und sage: „Die Klimaanlage bläst mir ins Gesicht.“
Auch das ist kein Kommentar. Das ist ein Hilferuf.
Andere Menschen würden wahrscheinlich sagen: „Dann leg dich halt anders hin.“
Er nicht. Er wird kreativ.
Er nimmt ein Shirt. Klemmt es irgendwie vor die Klimaanlage. Zieht hier, stopft dort, hängt es über irgendeine Ecke und baut damit eine Art textile Schutzwand gegen den arktischen Luftstrom.
Es sieht ein bisschen aus wie ein improvisiertes Kunstprojekt. Aber es funktioniert.
MacGyver wäre stolz. Ich bin es auf jeden Fall.
Wenn ich sage: "Ich glaube, da ist was kaputt"
Das ist mein zweiter Lieblingssatz. Meistens begleitet von leichtem Stress.
„Ich glaube, das ist kaputt.“ „Ich glaube, ich hab was kaputt gemacht.“ „Ich weiss nicht warum, aber jetzt geht es nicht mehr.“
Ich gehe dann zu Fabio. Sage exakt das und stehe daneben mit diesem Blick zwischen Ratlosigkeit und leiser Panik.
Er hingegen bleibt erstaunlich ruhig.
Er schaut sich die Sache an. Dreht hier. Drückt dort. Testet irgendetwas.
Zwei Minuten. Manchmal drei.
Und dann passiert etwas, das für mich immer noch ein kleines Wunder ist.
Wasser läuft wieder. Die Steckdose geht. Die Tür schliesst. Das WLAN blinkt wieder fröhlich.
Einfach genial. Ich weiss nicht genau wie er das macht.
Ich weiss nur: Ich bringe ihm Dinge. Und er macht sie wieder ganz.
Spinnen: seine Verantwortung, meine Nerven
Manchmal denke ich, da ist eine Spinne. Manchmal bin ich mir ziemlich sicher. Und manchmal hoffe ich einfach sehr, dass er nachschaut.
Ich stehe dabei grundsätzlich nicht direkt daneben. Ich gebe Hinweise aus sicherer Entfernung.
„Sie war gross.“ „Sie war schnell.“ „Bitte sag mir einfach, dass da nichts ist.“
Und egal, was er findet, er sagt nie: „Du übertreibst.“
Er sagt: „Da ist nichts.“ Oder: „Ich seh sie.“ Oder: „Alles gut.“
Liebe zeigt sich manchmal genau in solchen Momenten.
Ich bin nicht nur die mit den Problemen
Nur damit das hier gleich geklärt ist.
So sehr ich Fabio für Kälte, Klimaanlagen, Spinnen und kaputte Dinge brauche, er braucht mich imfall auch.
Zum Beispiel vor Flügen.
Er hat Flugangst. Und ich habe dann offiziell die Rolle der ruhigen Begleitstimme.
Ich sage: „Das ist normal.“ „Wir sind sicher.“ „Ich bin da.“
Und manchmal sage ich gar nichts. Dann halte ich einfach seine Hand. Auch eine Fähigkeit.
Englisch-Support
Er spricht Englisch. Seit der Weltreise sogar richtig gut. Aber manchmal braucht er ein wenig Support.
Dann beugt er sich leicht zu mir rüber und flüstert: „Wie fragt man das?“
Ich übersetze selbstverständlich. Leise. Mit kleinen Handbewegungen.
Er nickt. Atmet durch. Und sagt es.
Teamarbeit.
Seekrankheit: mein Einsatzgebiet
Auf einer Fähre wurde ihm einmal übel. Sehr übel. Und plötzlich bin nicht mehr ich die mit den Bedürfnissen. Plötzlich bin ich die mit den Tabletten, dem Wasser und der beruhigenden Stimme.
Ich halte. Ich kümmere. Ich sage: „Es geht gleich vorbei.“
Das Einsatzgebiet der Krankenpflegerin gehört mir. Ich kann das. Ich fühle das. Ich freue mich, wenn ich ihm helfen kann, damit es ihm bald besser geht.
Gut, dass wir unterschiedliche Stärken haben.
Beziehung heisst nicht Gleichheit
Beziehung heisst Ergänzung. Wir sind nicht gleich stark. Zum Glück.
Ich kann gut:
Mitfühlen
Beruhigen
Kommunizieren
Dramatisieren (vor allem bei Kälte)
Er kann gut:
Reparieren
Einstellen
Organisieren
Navigieren
Auf Reisen sieht man das viel deutlicher, weil nichts da ist, was es überdeckt.
Keine Routinen. Keine festen Abläufe. Nur wir zwei und eine Klimaanlage, die eindeutig zu kalt eingestellt ist.
Und manchmal gehen wir uns auch richtig auf den Sack
Natürlich nervt es ihn, wenn ich sage: „Mir ist kalt“ bevor ich überhaupt nach einem Pullover greife.
Und natürlich nerve ich mich, wenn er sagt: „Die Temperatur passt schon.“
Obwohl sie ganz offensichtlich nicht passt.
Aber dann sitzen wir abends in irgendeiner Unterkunft, mit einem Shirt vor der Klimaanlage. Mit funktionierendem Wasser. Ohne Spinne.
Und wir wissen beide: Alleine wäre das alles deutlich komplizierter und definitiv weniger lustig.
Unser Fazit
Beziehung auf Reisen ist ein Alltag aus kleinen Einsätzen.
Aus Einstellen. Aus Nachschauen. Aus Reparieren. Aus Auffangen.
Aus „Mir ist kalt.“ Und „Warte kurz, ich regel das.“
Und wenn man Glück hat, trifft man jemanden, der genau dort stark ist, wo man selbst am lautesten „Mir ist kalt!“ ruft.




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