WC-Situation auf Weltreise: Liebe stinkt manchmal ein bisschen
- Livia Walker

- 15. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Es gibt Themen, über die Paare am Anfang ihrer Beziehung nicht sprechen. Politik. Ex-Partner. Und ganz oben auf der Liste: das Klo.
Dann kommt die Weltreise.
Und plötzlich sitzt ihr zu zweit auf 12 Quadratmetern, reist mit Rucksack, Bus, Boot und Roller und das WC wird nicht nur Gesprächsthema, sondern fixer Bestandteil eurer Beziehungsdynamik. Willkommen in der romantischen Realität.

Von "Ich muss mal kurz..." zu "Okay, hör bitte weg..."
Am Anfang versucht man noch, Würde zu bewahren. Man wartet, bis der andere beschäftigt am Handy scrollt. Man lässt Wasser laufen. Man tut so, als hätte der Körper nur ein einziges Bedürfnis: hübsch aussehen.
Lasst euch gesagt sein: Das hält exakt bis zur ersten Magenverstimmung.
Denn irgendwo im Nirgendwo in Sumatra, aus bis heute unerklärlichen Gründen, passierte es. Durchfall. Erbrechen. Oder beides gleichzeitig, weil der Körper beschlossen hat, auf Weltreise ebenfalls auszurasten.
Und dann sitzt man da.
Schwitzend. Mit Blickkontakt. Ohne Tür.
Die Sache mit der Tür (oder dem Fehlen davon)
Es gibt Unterkünfte, da gibt es keine Tür. Oder nur einen Vorhang. Oder eine Schiebetür mit einem zwei Zentimeter breiten Spalt, durch den man sich gegenseitig direkt in die Seele schauen kann. Manchmal ist das WC auch einfach mitten im Raum. Konzeptuell. Minimalistisch. Spirituell.
In diesen Momenten lernt man loszulassen. Nicht nur den Darm, sondern auch die Scham.
Aber davor kommt erst einmal etwas anderes: Empörung. Reine, ehrliche Empörung.
Man steht da, den Rucksack noch halb auf dem Rücken, schaut sich um und denkt: Das kann jetzt nicht euer Ernst sein. Man sucht die Tür. Findet keine. Man sucht zumindest einen Griff, ein Schloss, irgendein Zeichen von Zivilisation. Stattdessen: ein Vorhang, der aussieht, als hätte er schon andere Leben gesehen. Oder Glas. Milchglas. Natürlich Milchglas. Als wäre das Problem jemals gewesen, dass man zu deutlich gesehen wird.
Im Kopf beginnt sofort das grosse Warum. Warum macht man das so? Wer hat entschieden, dass Intimsphäre überbewertet ist? War das ein Architekt mit einem Trauma? Ein Interior-Designer auf einem spirituellen Retreat? Oder einfach jemand, der sehr allein lebt und vergessen hat, dass andere Menschen existieren?
Und dann, irgendwann, nach der ersten Nacht, nach dem ersten unausweichlichen Gang auf dieses frei stehende Keramikmonument, passiert etwas Seltsames. Die Wut wird leiser. Die Fragen werden weniger. Man zieht den Vorhang zu, der nichts verdeckt, und denkt: Na gut. Man akzeptiert. Man atmet. Man wird eins mit dem Raum. Mit der Situation. Mit sich selbst. Denn wenn schon alles offenliegt, dann wenigstens die Haltung: aufrecht und würdevoll.
Kopfhörer: Der wahre Beziehungskleber
Ein kleiner Lifehack aus der Kategorie „romantische Selbstfürsorge“: Kopfhörer.
Manchmal helfen sie. Manchmal auch nicht, weil der andere sie zwar trägt, aber trotzdem kommentiert: „Alles okay da drin?“ Oder schlimmer:„Das klang nicht gesund.“
Danke. Wirklich. Sehr hilfreich.
Besonders schön ist es, wenn diese Kommentare mit ehrlicher Sorge kommen. Nicht leise, nicht diskret, sondern mit dieser lauten, offenen Stimme, die garantiert auch durch Vorhänge, Spalten und dünne Wände dringt. Man sitzt dann mitten im Geschehen, und überlegt kurz, ob man antworten soll. Ob man beruhigend zurückruft: Ja, alles im Rahmen der Erwartungen. Oder ob man einfach schweigt und hofft, dass Stille als Lebenszeichen interpretiert wird.
Die Kopfhörer selbst spielen währenddessen irgendetwas völlig Unpassendes. Sanfte Akustikmusik vielleicht. Oder ein Podcast über Achtsamkeit, in dem jemand ruhig erklärt, wie wichtig es ist, auf seinen Körper zu hören. Ironisch, wenn der Körper gerade sehr laut kommuniziert.
Und manchmal, ganz selten, funktionieren die Kopfhörer wirklich. Für einen kurzen, kostbaren Moment entsteht die Illusion von Privatsphäre. Bis sich der andere räuspert. Oder lacht. Romantik hat viele Formen. Manche davon riechen halt nach Desinfektionsmittel und Akzeptanz.
Wie die Schamgrenze sinkt und man plötzlich über alles spricht
Irgendwann redet man nicht mehr um den heissen Brei herum, sondern direkt über den… na ja, ihr wisst schon.
„Ich glaube, ich habe seit drei Tagen nicht…“
„Okay, dann heute mal wieder richtig viel Kaffee?“
Romantik ist manchmal eben auch, den Tagesplan nach Verdauung zu gestalten.
Man diskutiert ernsthaft:
* Stuhlkonsistenzen
* Trinkwasserquellen
* Die Frage, ob Reis stopft oder rettet
Und niemand zuckt mehr zusammen. Auch Blähungen werden einfach so hingenommen. Weil, ist ja menschlich. Who cares?!
Was auf Reisen passiert, bleibt nicht immer auf Reisen, vor allem nicht im Kopf. Man sieht sich in Zuständen, die man nie teilen wollte. Geräusche, Gerüche, Gesichtsausdrücke. Und dann merkt man: Die Welt geht nicht unter. Der andere liebt einen trotzdem. Sogar dann, wenn man schwitzend auf einem Plastik-WC sitzt und „Bitte bring mir Elektrolyte“ ruft.
Squat Toilets, Gleichgewichtssinn und der Neid auf Männer
Und dann wären da noch die sogenannten Squat Toilets. Diese bodennahen Keramikfallen, die einem gleichzeitig Demut, Beinmuskulatur und existenzielle Fragen abverlangen.
Ich verfluche in diesen Momenten regelmässig mein Frausein. Nicht grundsätzlich, aber sehr konkret.
Während Fabio einfach steht. Kurz. Zielgerichtet. Fertig. Hocke ich da, balanciere wie ein Flamingo auf Glatteis, versuche nichts zu berühren, bete zu sämtlichen Gottheiten und frage mich, warum genau hier mein Gleichgewichtssinn versagt.
Besonders an schmutzigen Orten wird der Neid existenziell. Männer haben es einfach. Kein Ausziehen. Kein Zielen im freien Fall. Kein innerer Monolog aus „Nicht fallen, nicht spritzen, nicht sterben“.
Fabio steht draussen, wartet entspannt und ich komme fünf Minuten später raus, körperlich anwesend, seelisch aber irgendwo zwischen Trauma und Triumph.
Reisen macht unkompliziert. Nicht elegant, aber aufrichtig. Man hört auf, Dinge zu verstecken, die sowieso menschlich sind. Man lernt, dass Nähe nicht bedeutet, immer sexy zu sein, sondern präsent.
Und manchmal bedeutet Liebe eben auch:
* Klopapier besorgen
* Medikamente googeln
* Draussen warten, ohne Drama
Fazit: Wahre Intimität riecht manchmal ein bisschen
Tatsache ist doch: WC-Gewohnheiten auf Weltreise sind kein Instagram-Content.
Aber sie sind Beziehungstraining auf höchstem Niveau. Wenn ihr gemeinsam Durchfall, Verstopfung und Bali Belly überlebt, dann überlebt ihr ziemlich viel.
Und falls ihr euch fragt, ob das normal ist: Ja. Absolut.





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