Mückenstiche auf Reisen, oder: Die Sache mit den Mücken und der Liebe
- Livia Walker

- 25. März
- 3 Min. Lesezeit
Man denkt ja, man hätte auf Weltreise alles einigermassen im Griff. Listen geschrieben. Apps runtergeladen. Stundenlang Unterkünfte verglichen... Aber dann kommt die Realität mit Flügeln. Winzig. Lautlos. Gemein. Und plötzlich besteht der Morgen nicht aus Sonnenaufgang und Abenteuerlust, sondern aus der Frage, warum mein Körper aussieht wie ein Experiment aus dem Biounterricht.

Es ist ein Naturgesetz, das sich auf jeder Weltreise bestätigt: Wir schlafen im selben Bett. Atmen dieselbe Luft. Essen die selben Lebensmittel. Und trotzdem wache ich morgens auf wie ein schlecht verteiltes Punktdiagramm, während Fabio aussieht wie frisch aus der Werbung für „entspannt durch die Tropen“.
Kein Stich. Nicht einer. Ich hingegen beginne den Tag mit einer Bestandsaufnahme: Eins am Knöchel. Zwei am Knie. Einer an einer Stelle, von der ich nicht wusste, dass Mücken dort überhaupt Zugang haben. Willkommen im täglichen Morgenritual der Ungerechtigkeit.
Die grosse Frage: Warum immer ich?
Natürlich habe ich recherchiert. Mückenstiche auf Reisen sind schliesslich eine echte Plage. Irgendwann will man wissen, ob man einfach Pech hat, oder ob der eigene Körper nachts aktiv Einladungen verschickt.
Mücken stehen angeblich auf:
Körperwärme
CO₂
Schweiss
Bewegung
Bestimmte Blutgruppen
Kurz gesagt: auf Lebendigkeit.
Fabio ist ebenfalls lebendig. Theoretisch. Praktisch scheint er für Mücken so interessant zu sein wie ein Plastikstuhl im Schatten. Ich hingegen bin offenbar ein All-you-can-eat-Buffet mit Open Bar. Fabio sagt dann Sätze wie: „Du bist halt eine Süsse?“ Oder noch schlimmer: „Sie müssen dich einfach mögen.“
Ah ja.
Zuneigung.
So nennt man das also, wenn man nachts ausgesaugt wird.
Wenn sie mich schon fressen, dann bitte mit Nutzen
Was mich dabei am meisten stört, ist nicht mal der Juckreiz. Es ist die Sinnlosigkeit der ganzen Aktion. Wenn mich diese Viecher schon jede Nacht anzapfen wie eine schlecht gesicherte Blutbank, dann könnten sie wenigstens statt Blut ein wenig Fett saugen.
Ein bisschen Volumen mitnehmen. Ein paar Gramm hier, ein paar dort.
Aber nein. Sie trinken einen Mini-Schluck Blut, hinterlassen dafür einen Stich, der sich anfühlt wie ein emotionales Trauma in Hautform und verschwinden wieder.
Ich hätte wirklich nichts dagegen, morgens aufzuwachen und zu denken: „Okay, 12 Stiche, aber immerhin 200 Gramm leichter.“
Win-win.
Für die Mücke ein Festmahl. Für mich nachhaltiges Reisen mit zusätzlichem Nebeneffekt.
So aber bleibt mir nur der Juckreiz. Und die Erkenntnis, dass selbst Blutsauger kein echtes Commitment zeigen.
Illusionen und Verhandlungen
Abends: Die grosse Illusion der Kontrolle
Jeden Abend rede ich mir ein, dass heute alles anders wird.
Ich creme. Ich spraye. Ich wedle mit Räucherstäbchen. Ich ziehe lange Hosen an, obwohl es 31 Grad hat und meine Beine innerlich nach Freiheit schreien.
Fabio liegt daneben. Ungeschützt. Entspannt.
„Willst du auch Spray?“ frage ich. „Ach, ich brauch das nicht“, sagt er.
Natürlich nicht.
Die Mücken haben offenbar eine interne Blacklist. Und sein Name steht nicht drauf. Dann schlafen wir ein. Oder besser gesagt: Fabio schläft ein. Ich döse. Lausche. Klatsche ins Dunkle. Verfehle. Und weiss: Sie sind da.
Der Morgen danach: Juckreiz und Verhandlungen
Der nächste Morgen beginnt mit dem grossen Spiegelmoment.
Ich entdecke neue Stiche wie andere Leute neue Tattoos. Mit Staunen. Mit Unglauben. Mit leiser Wut.
Fabio schaut mich an und sagt: „Wow… die haben dich ja richtig erwischt.“
Danke. Das habe ich auch gemerkt. Vor allem an der Stelle hinterm Knie, die ich jetzt drei Tage lang weder ignorieren noch kratzen darf, ohne gesellschaftlich komplett auszufallen.
Ich versuche, nicht zu kratzen, scheitere nach exakt zwölf Sekunden.
Irgendwann sieht es so aus, als würde ich einen sehr speziellen Tanz aufführen.
Fabio fragt vorsichtig: „Beisst es sehr?“
Nein.
Ich kratze aus Freude.
Juckreiz als Beziehungstest
Es gibt wenige Dinge, die so wenig romantisch sind wie jemand, der sich im Halbschlaf verzweifelt kratzt und flüstert: „ICH HALTE DAS NICHT AUS.“
Fabio versucht zu helfen.
Er bringt Salbe. Kühlpacks. Gut gemeinte Ratschläge aus der Kategorie: „Nicht kratzen, dann wird’s besser.“
Ich liebe ihn wirklich, aber in diesen Momenten möchte ich ihn manchmal am liebsten kurz auf dem Mond aussetzen.
Akzeptanz: I am the chosen one
Irgendwann habe ich aufgegeben. Ich habe akzeptiert, dass ich offenbar die Auserwählte bin. Die mit dem delikaten Blut. Die mit der besonderen Anziehungskraft. Während andere Souvenirs sammeln, sammle ich halt Mückenstiche.
Fabio bleibt stichfrei. Manchmal entschuldigt er sich fast dafür. Als hätte er etwas falsch gemacht. Hat er nicht. Aber ich behalte mir vor, ihn innerlich trotzdem minimal dafür zu hassen.
Fazit: Liebe juckt manchmal
Moskitostiche sind kein Reisehighlight. Aber sie sind Teil der Realität.
Liebe bedeutet in diesem Fall: Jemanden zu haben, der nachts das Licht anmacht, weil man „eine gehört hat“ Salbe teilt, obwohl er sie selbst nie braucht und einen trotzdem küsst, auch wenn man aussieht wie eine wandelnde Stichsammlung.
Und falls ihr euch fragt, ob es normal ist, dass immer eine Person zerstochen wird und die andere nicht: Ja. Absolut.
Manche Menschen ziehen Mücken an. Andere Glück.
Ich habe mich wohl für die Liebe entschieden. Und die juckt halt manchmal.




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