Nach einem Jahr Weltreise: Keine Lust, wieder arbeiten zu gehen
- Livia Walker

- 16. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Ich bin ehrlich: Nach einem Jahr Weltreise habe ich gerade überhaupt keine Lust, wieder in den typischen Arbeitsalltag zurückzukehren.
So.
Jetzt ist es raus.
Und ich weiss, wie das klingt.
Fast schon ein bisschen undankbar. Vor allem, wenn man einen Beruf hat, den man wirklich gerne macht.
Und bevor jetzt der Shitstorm des Jahres über mir hereinbricht: Lies den Blog erst mal bis zum Schluss, verurteilen darfst du mich danach immer noch.

Es liegt nicht am Beruf
Mir ist wichtig, es gleich am Anfang klarzustellen: Es liegt nicht an meinem Job.
Und schon gar nicht an den Kindern.
Ich freue mich ehrlich darauf, wieder in den Kindergarten zu gehen.
Auf die kleinen Menschen, die morgens mit völlig ernstem Gesicht fragen, ob Dinosaurier eigentlich Geburtstag gefeiert haben.
Auf spontane Umarmungen.
Auf Bastelkleber an Orten, an denen Bastelkleber definitiv nichts verloren hat.
Auf Kinder, die innerhalb von drei Sekunden gleichzeitig lachen, weinen und einen Schuh verlieren.
Kinder sind nicht das Problem.
Erwachsene schon eher.
Vor allem die Version von mir selbst.
Angst vor dem Drumherum
Ich habe keine Angst vor der Arbeit, ich habe Angst vor dem Drumherum.
Vor diesem Moment, in dem das Schweizer Leben wieder mit Anlauf in mein Gesicht springt.
Der Wecker.
Der Kalender.
Die Termine.
Die To-do-Listen.
Die Verpflichtungen.
Die Wäsche.
Die Steuererklärung.
Diese eine Rechnung, die man seit zwei Wochen ignoriert.
Und dieses permanente Gefühl, dass irgendwo immer noch etwas auf einen wartet.
Willkommen zurück.
Wir haben deinen Stress bereits für dich aufbewahrt.
Auf Weltreise war alles einfacher
Auf Weltreise war ich plötzlich erstaunlich unkompliziert.
Mein ganzes Leben hat in einen Rucksack gepasst.
Ich hatte fünf T-Shirts.
Zwei Hosen.
Und lustigerweise hat sich nie jemand darüber beschwert. Nicht mal ich.
Ich musste nicht ständig überlegen, ob ich genug leiste.
Ob ich effizient genug bin.
Ob ich aus meiner Zeit das Maximum heraushole.
Manchmal bestand mein grösster Termin des Tages darin, den Sonnenuntergang nicht zu verpassen.
Und selbst wenn ich den verpasst hätte...
Wäre am nächsten Abend einfach wieder einer gekommen.
Zurück im Schweizer Alltag
Die Schweiz ist wunderschön, aber sie kann auch anstrengend sein.
Einfach wegen diesem unterschwelligen Gefühl, ständig funktionieren zu müssen.
Alles im Griff haben.
Pünktlich sein.
Produktiv sein.
Organisiert sein.
Sport machen.
Gesund essen.
Freunde treffen.
Familie besuchen.
Den Keller aufräumen.
Die Fenster putzen.
Mails beantworten.
Und bitte dabei noch entspannt wirken.
Ich bin schon vom Lesen dieser Liste müde.
Der grösste Druck kommt von mir selbst
Das Lustige ist: Den meisten Druck macht mir wahrscheinlich niemand.
Ich mache ihn mir selbst.
Ich möchte alles gut machen.
Im Kindergarten.
Zu Hause.
In der Familie.
Im Freundeskreis.
Ich möchte die Person sein, die an alles denkt.
Und genau das ist das Problem.
Weil ich irgendwann vergesse, auch mal an mich zu denken.
Deshalb habe ich mir für meinen Neustart etwas vorgenommen: Gut ist besser als perfekt.
Und manchmal muss „gut“ einfach reichen, nicht jede Idee muss perfekt umgesetzt werden.
Und ich muss auch nicht mit Menschen mithalten, die scheinbar mehr schaffen als ich.
Die mehr Energie haben.
Die neben ihrem Job noch fünfmal pro Woche Sport machen, jeden Sonntag Meal Prep betreiben, ein perfekt aufgeräumtes Zuhause haben, ständig Freunde treffen und dabei aussehen, als wäre das alles überhaupt kein Aufwand.
Vielleicht haben sie tatsächlich mehr Energie als ich, aber das muss nicht mein Massstab sein.
Ich möchte aufhören, mein Leben ständig mit dem Leben anderer zu vergleichen. Ich möchte nicht die Person sein, die am Ende des Tages alles erledigt hat und trotzdem das Gefühl hat, nicht genug getan zu haben. Ich möchte lieber manchmal etwas weniger schaffen und dafür noch Energie für das Leben haben.
Gut ist besser als perfekt.
Und natürlich klingt das alles gerade wunderbar einfach.
Ob es mir in der Umsetzung genauso gut gelingt, wird sich zeigen.
Ich hoffe es zumindest.
Was mir die Weltreise gezeigt hat
Die Weltreise hat mich in dieser Hinsicht ziemlich entlarvt.
Ich habe gemerkt, wie wenig ich eigentlich brauche, um glücklich zu sein.
Zeit.
Ruhe.
Menschen, die ich liebe.
Ein gutes Essen.
Und hin und wieder eine Dusche mit vernünftigem Wasserdruck.
Mehr war es oft gar nicht.
Kein voller Kalender.
Keine hundert offenen Aufgaben.
Kein schlechtes Gewissen, weil ich an einem Dienstag einfach mal nichts Produktives gemacht habe.
Stellt sich heraus: Die Welt geht davon tatsächlich nicht unter.
Ich freue mich auf die Arbeit, darum ist es ja kompliziert
Natürlich freue ich mich auch.
Ich freue mich auf meinen Beruf.
Ich freue mich auf Kinderlachen.
Auf leuchtende Augen.
Auf diese komplett verrückte Logik, die nur Fünfjährige besitzen.
Ich freue mich sogar ein kleines bisschen auf den Alltag, aber ich freue mich nicht darauf, wie schnell ich mich selbst darin wieder verlieren kann.
Die eigentliche Herausforderung nach einer Weltreise wird für mich sein, dass ich nicht sofort wieder in den Autopiloten steige, nicht jeden freien Nachmittag verplane und nicht ständig denke: "Wenn ich das noch schnell erledige..."
Denn aus diesem "noch schnell" werden in der Schweiz erstaunlich oft drei Wochen.
Fazit
Also nein...
Ich habe gerade nicht besonders Lust, wieder arbeiten zu gehen.
Ich liebe meinen Beruf, aber ich weiss auch, wie schnell aus einem entspannten Menschen wieder jemand wird, der beim Zähneputzen im Kopf schon den Einkaufszettel schreibt.
Und falls ihr mich in ein paar Monaten wieder dabei erwischt, wie ich gestresst durch die Migros renne, mit drei Taschen, einem vollen Kopf und dem Gefühl, dass ich heute definitiv zu wenig geschafft habe...
Dann erinnert mich bitte daran, dass ich ein ganzes Jahr lang irgendwo auf dieser Welt gelernt habe, dass ein Tag auch dann ein guter Tag sein kann, wenn man nichts abhakt.
Ausser vielleicht einen Sonnenuntergang.
Und wenn du jetzt immer noch das Bedürfnis hast, mich dafür zu verurteilen, dann bitte: Tu es.
Ich habe mir schliesslich auch vorgenommen, Kritik nicht mehr so sehr zu Herzen zu nehmen.
Ob das genauso gut funktioniert wie „Gut ist besser als perfekt“, werden wir dann wohl auch noch herausfinden.




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