Zu wenig Luft, zu viele Entscheidungen und ein Alpaka namens Elisabeth
- Livia Walker

- 20. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Fabio und ich sind übrigens nicht in den Ferien (was viele irgendwie meinen…). Wir sind seit ZEHN MONATEN auf Weltreise.
ZEHN.
Monate.
Das sind keine Ferien mehr, das ist ein Lebensstil. Einer mit Rucksack, zu wenig Unterhosen und der täglich existenziellen Frage: «Wo essen wir heute?»

Wenn schon Weltreise, dann bitte mit Sauerstoffmangel
Und jetzt also Peru. Land der dünnen Luft, der dramatischen Berge und, für mich persönlich am wichtigsten, der Alpakas.
Ich hab ja vorher von dieser Höhe gehört. «Die Luft wird dünn», haben sie gesagt. Klang für mich wie so eine nette, leicht dramatisierte Formulierung. Etwas, das anderen passiert. So wie Steuerprüfungen oder Leute, die freiwillig um 5 Uhr morgens joggen gehen.
Aber ich hab gemerkt: Die meinen das ernst. Die. Luft. Ist. Weg.
Warum Fabio läuft und ich sterbe (gefühlt)
Ich mache hier Dinge wie Schuhe anziehen und brauche danach eine Pause, als hätte ich gerade mein persönliches Everest-Basecamp erreicht. Fabio läuft derweil neben mir, als wären wir auf einem entspannten Sonntagsspaziergang irgendwo auf Meereshöhe.
Ich hingegen: Zwei Schritte. Pause. Existenzkrise. Noch zwei Schritte. Kurz überlegen, ob ich hier einfach liegen bleibe.
Und NATÜRLICH ist er schneller.
Es ist wirklich immer dasselbe mit uns: Einer läuft vorneweg wie eine Bergziege und der andere (ich, mit meinen kurzen Beinen) rennt gefühlt in Zeitlupe hinterher und tut so, als wäre alles komplett entspannt.
Ist es nicht.
Aber er wartet.
Immer.
Lehnt irgendwo, schaut in die Ferne, als würde er die Aussicht geniessen, während ich mich von hinten anschleiche wie ein erschöpfter Touri mit leicht übertriebenem Leidensdruck.
Er: «Alles gut?» Ich (keuchend): «Ja klar, voll easy.»
HAHA.
Outfit-Krisen auf über 3000 Metern
Und als wäre das körperliche Elend nicht genug, gibt es noch mein persönliches Highlight jeder Reise: Ich weiss NIE, was ich anziehen soll. Nie.
Scheint die Sonne? Ja.
Regnet es fünf Minuten später? Auch ja.
Ist es warm? Kalt? Beides gleichzeitig? Peru sagt: Genau, Überraschung!
Also stehe ich jeden Morgen vor meinem Rucksack und führe ernsthafte Gespräche mit mir selbst:
Brauche ich Sonnencreme? (Ja.)
Nehme ich die Jacke mit? (Ja.)
Werde ich sie tragen? (Nein.)
Werde ich sie trotzdem den ganzen Tag rumschleppen? (Natürlich.)
Fabio ist in der Zeit längst fertig. Schuhe an, mental schon beim nächsten Ausflug.
Und ich? Überlege immer noch was ich denn jetzt eigentlich alles brauche.
Er wartet. Ich frage mich manchmal, ob das seine persönliche Challenge ist: Wie lange kann ein Mensch geduldig bleiben, während ich versuche, gleichzeitig für Sonne, Regen, Wind, Kälte und eine spontane Identitätskrise vorbereitet zu sein?
Bis jetzt: sehr lange.
Die Alpaka Diskussion (und Leute, ich verliere)
Irgendwo zwischen «ich kriege keine Luft» und «warum ist mein Puls beim Gehen illegal hoch» habe ich dann übrigens beschlossen: Ich brauche ein Alpaka.
Dringend.
So eins mit diesem leicht arroganten Blick, als würde es mich jederzeit still verurteilen, aber auf eine richtig süsse Art.
Und ich sehe das komplett realistisch: Das Alpaka kommt mit nach Hause. In den Garten meiner Eltern. Gratis Rasenmäher. Problem gelöst.
Fabio sagt nein. Natürlich sagt Fabio nein. Fabio sagt oft nein zu meinen besten Ideen.
Wie als ich damals gesagt hatte, das ich auf Weltreise will (okay, er hat nicht nein gesagt, aber ihr wisst was ich meine.)
Aber, und das muss man ihm lassen, er wäre nicht Fabio, wenn er nicht trotzdem irgendwie doch eine Lösung parat hätte.
Elisabeth zieht ein: klein, gehäkelt, emotional riesig
Also hat er mir ein kleines gehäkeltes Alpaka geschenkt. So klein, dass es perfekt in meinen Rucksack passt. So gross, dass es für mich emotional ein GANZES Tier ist.
Ich habe sie natürlich sofort benannt.
Elisabeth.
Weil sie aussieht, als hätte sie ihr Leben im Griff. Im Gegensatz zu mir auf über 3000 Metern Höhe.
Jetzt reist Elisabeth mit uns. Ja wirklich, uns gibt es nur noch im Dreierpack. Sie war schon in klapprigen Bussen, auf staubigen Strassen, in Höhen, bei denen ich kurz mein Testament innerlich formuliert habe. Und sie hat genau null Probleme mit der dünnen Luft, diese kleine Verräterin.
Manchmal halte ich sie hoch und sage: «Schau, das könnte DEINE Familie sein.»
Fabio schaut mich dann an. Dieser Blick.
Dieses «Du meinst das nicht ernst, oder?» gemischt mit «Doch. Sie meint es ernst.»
Ich meine es, nun ja, ein bisschen ernst. Vielleicht.
Fazit: Bei echter Liebe wird die Luft manchmal dünn
Was ich sagen will: Die Luft ist dünn. Ich bin langsam. Fabio ist schnell. Ich habe zu viele Outfit-Krisen. Er hat sehr viel Geduld.
Und ich habe kein echtes Alpaka. Aber ich habe Elisabeth.
Und das ist doch was, oder?




Kommentare