Sprachschule in Antigua: Vom Kindergarten ins Klassenzimmer, nur andersrum
- Livia Walker

- 25. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Eigentlich stehe ich sonst vorne. Mein Arbeitstag beginnt normalerweise mit einem Morgenkreis, einem Lächeln im Gesicht und Glitzerkleber an den Fingern. Ich bin Kindergartenlehrerin in der Schweiz. Struktur, Rituale, Wochenpläne, voll mein Ding. Ich weiss, wie man erklärt, tröstet, unterrichtet. Ich weiss sogar, wie man 18 Vierjährige gleichzeitig motiviert.
Und dann kamen diese leisen aber hartnäckigen Signale: Ich brauche eine Pause. Keine fünf Minuten im Lehrerzimmer. Keine verlängerten Ferien. Sondern eine richtige Auszeit. Eine, bei der der Kopf leer wird und das Herz wieder lauter spricht.

Also schnappte ich mir meinen Freund Fabio, warf alle Sicherheiten kurz liebevoll über Bord und seit sieben Monaten reisen wir nun gemeinsam um die Welt. Sieben Monate Leben aus dem Rucksack. Sieben Monate Improvisation. Sieben Monate „Ach, dann machen wir’s halt so“.
Romantisch? Ja.
Anstrengend? Auch.
Lehrreich? Oh ja. Und zwar auf Arten, die mir kein Pädagogik-Seminar je beigebracht hat.
Mittelamerika und die Sprachbarriere
Aktuell sind wir im mittelamerikanischen Raum unterwegs. Palmen, Farben, Chaos, Busse ohne Fahrpläne und eine Sprache, die uns freundlich anlächelt und gleichzeitig konsequent ignoriert: Spanisch.
Hier spricht kaum jemand Englisch. Und wenn doch, dann genau so viel, dass man weiss, dass man nichts weiss. Fabio und ich sprechen fast kein Spanisch. Nur ein paar einzelne Wörter die wir irgendwo aufgeschnappt haben.
Kein Hola, das souverän klingt. Kein Gracias, das nicht wie eine Frage endet. Wir bestellen Essen mit Händen, Füssen und einem Lächeln, das sagt: Bitte hab Geduld mit uns, wir meinen es gut.
Irgendwann wurde uns klar: So charmant das alles ist, auf Dauer wird’s richtig mühsam. Und leicht peinlich
Sprachschule, wir kommen...
Also tun wir jetzt etwas Verrücktes. Etwas sehr Unreisendes.
Wir gehen zur Schule.
Für zwei Wochen besuchen wir eine Sprachschule in Antigua. Vokabeln pauken, über Grammatik stolpern und Sätze bilden, die sich anfühlen wie Zungenbrecher. Wir hoffen, zumindest ein paar bescheidene Spanischkenntnisse zu erwerben. So viel, dass wir verstehen, wenn man uns fragt, ob wir scharf wollen. Und antworten können, ohne dabei Schweissausbrüche zu bekommen.
Rollenwechsel und Erkenntnisse
Für mich bedeutet das vor allem eins: Rollenwechsel.
Von der Lehrerin zur Schülerin.
Ich sitze wieder auf der anderen Seite. Mit Heft. Mit Stift. Mit diesem leichten Knoten im Bauch, wenn man etwas nicht versteht, aber nicht schon wieder fragen will. Ich ertappe mich dabei, wie ich innerlich nicke, obwohl mein Gehirn gerade komplett ausgestiegen ist. Sí, claro, denke ich und hoffe, dass niemand merkt, dass ich gedanklich noch bei der letzten Vokabel hänge.
Plötzlich weiss ich wieder ganz genau, wie sich Lernen anfühlt. Dieses kleine Triumphgefühl, wenn ein Satz klappt. Und diese stille Verzweiflung, wenn das Verb einfach nicht da bleibt, wo es hingehört.
Ich muss über mich selbst lachen. Ich, die sonst sagt: „Fehler sind Helfer!“ und jetzt am liebsten unter dem Tisch verschwinden würde, wenn ich ser und estar verwechsel.
Es ist demütigend. Und wunderschön zugleich.
Ich lerne nicht nur Spanisch. Ich lerne Geduld. Mit mir. Ich lerne, wie mutig es ist, Anfängerin zu sein. Wie viel Überwindung es kostet, sich sichtbar unwissend zu fühlen. Und wie wertvoll ein Lehrerblick ist, der sagt: Du schaffst das. Schritt für Schritt.
Fazit:
Für mich ist das eine ganz wichtige Lektion auf dieser Reise. Dass ich nicht immer wissen muss, wie es geht. Manchmal darf ich einfach lernen. Stolpern. Scheitern. Lachen. Fragen.
Und wisst ihr was, bald sitze ich wieder in einem Schweizer Kindergarten. Mit neuer Ruhe. Mit mehr Weite im Herzen. Und vielleicht sogar mit einem spanischen Akzent, wenn ich „Guten Morgen“ sage.
Bis dahin sage ich: Buenos días, Schule.
Ich bin wieder da. Nur dieses Mal auf der anderen Seite der Kreidetafel.




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