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FOMO auf Weltreise: Wenn die Angst, etwas zu verpassen, plötzlich ein ganz neues Gesicht bekommt

  • Autorenbild: Livia Walker
    Livia Walker
  • 12. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Dez. 2025

FOMO.

Die miese Schnepfe, die normalerweise auftaucht, wenn alle auf dieser einen Party sind und du daheim im Pyjama Chips und gleichzeitig Schokolade isst und dir sagst, dass du eh gar keine Lust gehabt hättest. (Klar, logisch.)


Eine nachdenkliche Reisende bzw. ein reisendes Paar sitzt an einem sonnigen Strand und blickt in die Ferne. Die Stimmung wirkt gleichzeitig friedlich und melancholisch. Das Bild soll zeigen, wie man auf Weltreise zwar die Welt entdeckt, aber gleichzeitig emotionale Nähe, Familienmomente und Ereignisse zu Hause vermisst.

Wir dachten jedenfalls, FOMO hätten wir im Griff.

Wir waren ja schlau: Wir gingen auf Weltreise. Ein Jahr lang unterwegs, Sonne im Gesicht, Salz im Haar, Abenteuer im Herzen.

Wer bitte schön hat da noch Angst, etwas zu verpassen?

 

Stellt sich raus: Wir.

 

Aber nicht so, wie wir dachten.



Die FOMO, die keiner kommen sieht


Kaum losgereist, kaum hatten wir unser Gepäck chaotisch in irgendwelche Packsäcke gestopft, passierte es: Unsere geliebte Katze, 18 Jahre lang Familienchefin, Hauspolizei, seelische Stütze und professionelle Ignorantin unserer Zuneigung, starb. Sie war alt, ja. Dennoch passierte es unerwartet.

 

Während wir irgendwo in Flipflops standen, starb sie zuhause.

Und wir waren nicht da.

Nicht für sie.

Nicht für unsere Familie.

Nicht für das Ganze drumherum.

Da hat uns die FOMO zum ersten Mal so richtig ins Gesicht geklatscht. Aber sie sagte nicht: „Du verpasst was Cooles.“ Sondern: „Du verpasst Nähe.“



Geburtstage, Abschiede, Momente, die keiner zoomen kann


Seit wir unterwegs sind, haben unsere Freunde gefühlt 17 Geburtstage gefeiert.

Jemand ist 40 geworden, das ist immerhin ein halbes Jahrhundert Minus 10!

Und wir waren… irgendwo.

Klar, wir haben gratuliert.

Über WhatsApp, mit einem Emoji, das ein Glas erhebt.

Das Glas, das wir nicht mit ihnen klirrten.

 

Eine Freundin hatte einen miesen Sturz, das Ergebnis waren mehrere Knochenbrüche im Fuss, ein Krankenhausaufenthalt und eine OP. Sie schrieb, hielt uns per Whatsapp up-to date. Wir schrieben zurück, versuchten in Gedanken bei ihr zu sein. Doch wir waren nicht da, wir konnten sie nicht besuchen, sie nicht umarmen und ihr keine Trostgummibärchen besorgen.


Freunde mussten sich kürzlich ebenfalls von ihrem geliebten Haustier verabschieden. Eine schwere Situation für beide. Wir schreiben: „Wir sind in Gedanken bei euch.“ Aber Gedanken sind halt wie vegane Würstchen: gut gemeint, aber nicht dasselbe. Wir fühlen uns machtlos. Und traurig. Weil wir wieder nicht da sind.


Weil die Welt gerade an unserem Fenster vorbeizieht, während zu Hause die wichtigen Momente passieren, die schönen und die schmerzhaften.


Manchmal frage ich mich, ob es irgendwann eine Art Freundschafts-Wiedergutmachungsskala gibt, auf der wir alles nachholen können: 3 Kaffee, 100 Umarmungen, 1 spontaner Besuch, zusammen Lachen, zusammen weinen.


Aber wahrscheinlich funktioniert das Leben nicht so.


Wahrscheinlich kann man nicht alles kompensieren, was man verpasst.


Nur hoffen, dass die Menschen, die einem wichtig sind, einen trotzdem im Herzen behalten, auch wenn man zurzeit nur als kleine Sprechblase auf ihrem Bildschirm auftaucht.



Und dann kamen die Baby-News per Videobotschaft


Unsere Freundin schickt uns neulich ein Video. Wir schauen es. Sie strahlt. Sie lacht. Sie hat diesen Glow, den nur Schwangerschaft, eine neue Liebe oder die Aussicht auf Ferien auslösen kann.

„Wir erwarten unser zweites Kind. Ende Mai/Anfangs Juni.“

Wir schmelzen. Wir quietschen. Wir winden uns in zufriedenen Aaaahs und Oooohs wie zwei überspannte Meerschweinchen.

Und gleichzeitig: Ein kleiner Stich. Weil: wir sind nicht da. Wieder nicht. Nicht, wenn das Baby kommt. Nicht, wenn man Prosecco öffnet. Nicht, wenn das Besuchs-Selfie entsteht. Nicht, wenn jemand sagt: „Sie hat deine Augen!“ (Ernsthaft: Neugeborene haben die Augen von… niemandem. Am Anfang sind sie einfach kleine glückliche noch leicht verschrumpelte Wesen mit diesen typischen Neugeborenen-Augen).

 

Aber dass sie sich die Mühe gemacht hat, uns die News persönlich zu schicken, nicht im Chat, nicht in einem Nebensatz, hat uns so sehr gefreut, dass es fast die Wehmut übertüncht hat. Fast.



Wir wussten ja, dass wir Dinge verpassen


Aber nicht, wie viel.

Natürlich wussten wir: Unterwegs bist du nicht im Zentrum. Du bekommst nicht alles mit. Du verpasst Geschichten. Infos. Insider. Tratsch. Tränen. Freuden.

Aber unterwegs merkst du erst, wie wenig du mitbekommst. Wie oft du denkst: „Hä? Wann genau ist das passiert? Warum weiss ich das nicht? Warum hat niemand… ach ja, wir waren ja irgendwo zwischen Meer und Strassendöner.“

 

Und plötzlich kommt dieser Moment: Du stellst fest, dass du keine Ahnung hast, was im Leben deiner Liebsten eigentlich wirklich abgeht. Nicht aus Desinteresse. Sondern weil Entfernung keine Distanz misst, sondern Verzögerung. Irgendwie erreichen einen die News immer als Letztes.

 


Und dann... Advent. Die ultimative FOMO-Maschine


Zuhause riecht’s nach Zimt und Butter. Überall Kerzen. Familie und Freunde backen Guetzli. Jemand streitet sich über Mailänderli-Strategien (wir wissen alle, was richtig ist). Jemand flucht, weil der Teig klebt. Und am Ende sind alle glücklich, voll Mehl und ein bisschen sentimental.

Wir? Strand. Hängematte. Klingt sexy. Ist auch schön. Aber plötzlich möchtest du lieber in einer überhitzten Küche stehen und Zimtsterne verkohlen.

 

Weltreise-FOMO ist wie ein sanfter Schlag mit dem Nudelholz

Sie tut nicht immer weh. Aber sie trifft. Nicht hart, aber ehrlich.

Sie zeigt dir: Du hast Menschen. Du hast ein Zuhause. Du hast Wurzeln, die du mit einem Flugticket nicht loswirst.



Und wenn wir zurück sind?


Wir holen alles nach. ALLES. Geburtstage (werden verdoppelt). Babyfeiern (werden verdreifacht). Umarmungen (so lange, bis jemand „uff“ macht). Guetzli (wir essen die ganze Dose).

 

Wir bereisen die Welt, ja, aber gleichzeitig merken wir gerade, wie viel uns die kleinen, unspektakulären Dinge bedeuten. Die, bei denen niemand Fotos macht. Die, bei denen man einfach zusammen ist. Und bis wir zurück sind, schwelgen wir halt in Erinnerungen und akzeptieren, dass einen FOMO auch mit über 30 noch richtig in den Allerwertesten treten kann.

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