Nach der Weltreise wieder zuhause: Sind wir überhaupt noch gesellschaftsfähig?
- Livia Walker

- 26. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Juli
Es gibt Menschen, die kommen nach einer Weltreise zurück und stürzen sich sofort wieder ins Leben.
Apéro am Donnerstag.
Geburtstag am Freitag.
Familienfest am Samstag.
Brunch am Sonntag.
Und dann gibt es Fabio und mich.
Wir gehen nach einem Kaffeetrinken nach Hause und brauchen erst mal ein Nickerchen.

Der soziale Energiesparmodus auf Reisen
Ich hätte nie gedacht, dass Sozialkontakte Muskelkater verursachen können.
Aber offenbar haben wir unsere sozialen Muskeln irgendwo auf Weltreise verloren. Oder zumindest ziemlich vernachlässigt.
Ein Jahr lang bestand unser Alltag aus genau einer Person.
Gut, manchmal sass noch ein Australier im Hostel neben uns.
Oder ein Schweizer, der seit acht Monaten unterwegs war und plötzlich dein bester Freund wurde, weil er fliessend Spanisch sprach.
Aber im Kern waren wir immer zu zweit.
Morgens.
Mittags.
Abends.
365 Tage lang.
Wenn zwei Menschen sich ohne Worte verstehen
Irgendwann kennt man den anderen so gut, dass Gespräche erstaunlich effizient werden.
"Was hesch?"
"Nüt."
"Okay."
Und tatsächlich war nichts.
Oder einer schaut den anderen nur kurz an.
"Hesch Hunger?"
"Ja."
"Ich au."
Gespräch beendet.
Wir wussten längst, was im Kopf des anderen vorging.
Welches Essen wir wollten.
Welche Geschichte wir schon fünfzehnmal erzählt hatten.
Es gab keine grossen Updates mehr.
Wir waren beide immer live dabei.
Plötzlich sind alle wieder da
Jetzt sind wir zurück.
Und plötzlich gibt es wieder Menschen.
Viele Menschen.
Familie.
Freunde.
Bekannte.
Arbeitskollegen.
Nachbarn.
Alle freuen sich.
Und wir freuen uns auch. Ungelogen.
Wir haben diese Menschen vermisst.
Wir wollen wissen, wie es ihnen geht.
Was in diesem Jahr passiert ist.
Wer geheiratet hat.
Wer den Job gewechselt hat.
Wer plötzlich einen Hund besitzt.
Und wer seit drei Monaten CrossFit macht als hänge sein Leben davon ab.
Nur gibt es ein kleines Problem.
Jeder Mensch bringt ungefähr zwölf Monate Lebensgeschichte mit.
Und wir treffen nicht nur einen.
Sondern viele.
Zwölf Monate Leben in zwei Stunden
Das erste Wiedersehen fühlt sich deshalb an wie der Einstieg in Staffel acht einer Serie.
"Oh mein Gott, du hast ja gar nicht mitbekommen..."
Nein.
Haben wir tatsächlich nicht.
Dann beginnt die Zusammenfassung.
"Also... zuerst ist das passiert..."
Ich nicke aufmerksam.
"... und dann hat sie sich getrennt."
Okay.
Neue Information.
"... aber inzwischen sind sie wieder zusammen."
Moment.
Mit wem jetzt genau?
"... und weisst du noch der Cousin?"
Welcher Cousin?
"... also der mit dem Hund."
Ah.
Jetzt weiss ich wieder weniger als vorher.
Mein Gehirn versucht verzweifelt, Stammbäume, Beziehungen, Arbeitsstellen und Haustiere zu sortieren.
Es fühlt sich an, als müsste ich innerhalb von zwei Stunden sämtliche Folgen von Grey's Anatomy nachholen.
Ohne Pause und ohne Untertitel.
Mein Gehirn kommt nicht mehr mit
Das Verrückte ist: Mich interessiert das alles wirklich.
Ich möchte zuhören.
Fragen stellen.
Mitfühlen.
Lachen.
Nur merkt man irgendwann, dass das Gehirn nach einem Jahr in einer Zweipersonenblase plötzlich Höchstleistungen vollbringen muss.
Früher bestand mein soziales Gedächtnis aus: Fabio.
Fertig.
Jetzt heisst es plötzlich wieder:
Wer arbeitet jetzt wo?
Wer baut gerade ein Haus?
Wer hat ein Baby bekommen?
Wer hat sich getrennt?
Wer ist wieder zusammen?
Wer hat inzwischen geheiratet?
Und wer ist eigentlich mit wem verwandt?
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich während eines Gesprächs innerlich kleine Mindmaps zeichne.
Okay.
Rainbow-Salome ist also die Schwester von...
Nein.
Moment.
Oder war das die Schwägerin?
Ich komme nicht mehr mit.
Warum uns Treffen plötzlich müde machen
Nach solchen Treffen fahren wir nach Hause.
.
Wir schliessen die Wohnungstür.
Schauen uns an.
Und sagen fast gleichzeitig: "Puh."
Versteht mich nicht falsch, es war schön.
Aber unser Gehirn musste gerade ungefähr 4'000 neue Informationen verarbeiten.
Manchmal legen wir uns einfach aufs Sofa.
Manchmal schlafen wir sogar ein.
Nach einem gemütlichen Sonntagskaffee.
Früher dachte ich immer, Mittagsschlaf machen nur Kleinkinder und Rentner.
Heute weiss ich: Oder Menschen, die versucht haben, sich das letzte Jahr von acht verschiedenen Personen gleichzeitig zusammenfassen zu lassen.
Das Leben besteht wieder aus mehr als nur uns zwei
Was uns zusätzlich auffällt: Wir müssen erst wieder lernen, dass unser Leben nicht mehr nur aus uns zwei besteht.
Auf Reisen war Fabio automatisch mein erster Ansprechpartner.
Immer.
Wenn etwas Lustiges passierte.
Wenn ich etwas Schönes sah.
Wenn mich etwas nervte.
Wenn irgendwo ein Hund besonders süss war.
Fabio wusste es spätestens drei Sekunden später.
Jetzt gibt es plötzlich wieder ganz viele Menschen, die ebenfalls Platz in unserem Alltag haben.
Freunde.
Geschwister.
Eltern.
Götti.
Gotti.
Kollegen.
Und wir merken, wie gut sich das anfühlt.
Wie schön es ist, wieder Teil von allem zu sein.
Aber eben auch: Wie intensiv das eigentlich ist.
Unser Sozialakku muss sich erst wieder aufladen
Vielleicht waren wir gar nie ungesellschaftlich, vielleicht haben wir einfach ein Jahr lang im sozialen Energiesparmodus gelebt.
Mit genau einem Menschen.
Den wir mittlerweile besser kennen als unsere eigene Netflix-Startseite.
Jetzt fährt das Leben langsam wieder hoch.
Mit Gesprächen.
Einladungen.
Geburtstagen.
Spontanen Kaffees.
Und wir freuen uns über jedes einzelne davon.
Auch wenn wir danach manchmal aussehen, als hätten wir drei Tage durchgearbeitet.
Möglicherweise dauert es einfach einen Moment, bis unser Gehirn wieder gelernt hat, dass man problemlos zehn verschiedene Lebensgeschichten gleichzeitig verfolgen kann.
Bis dahin gilt: Wenn wir nach dem Brunch nach Hause gehen und zwei Stunden später noch nicht auf Nachrichten antworten ...
... dann ignorieren wir euch nicht.
Wir laden einfach gerade unseren Sozialakku wieder auf.
Im Liegen.
Und höchstwahrscheinlich mit geschlossenen Augen.
No offense, gäll.




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